Moses in German: Der Mann Moses und die monotheistische Religion

1 sigmüÄd;:}! Der Mann Moses und die monotheistische Religion Drei Äbhandlungea m ML Der Mann Moses und die monotheistische Religion Drei Abhandlungen Die Geschichte des Mannes Moses und seine ägyptische Herkunft weiden zunächst in der Art eines historischen Romans entwickelt. Das Gebäude der Biographie ist mit den subtilsten Mittein historischer und psychologischer Kritik errichtet. Aus der Geschichte des Mannes wächst die seines Werks und die des jüdischen Volkes. Herkunft und Entwicklung des jüdischen Monotheismus — eines Schrittes in der Entwicklung zur Geistigkeit -, seine Abhängigkeit von Aegypten und seine weiteren Schicksale lassen sich aus der Geschichte ihres Schöpfers ableiten. Auf dieser Grundlage gewinnt Freud einen Zugang zumVerständnis vieler Eigenschaften des jüdischen Volkes, vor allem aber gewinnt er einen neuen Ausblick auf das Wesen der Religion. Er nimmt Gedanken, die er in seinen früheren Büchern „Totem und Tabu” und „Die Zukunft einer Illusion” ‘entwickelt hat, auf und erweitert sie durch eine „Formel, die ihr bessere Gerechtigkeit erweist”. Sein Fund besagt, die Macht der Religion „beruhe . . . auf ihrem Wahrheitsgehalt, aber diese Wahrheit sei keine materielle, sondern eine historische.” SIGMUND FREUD DER MANN MOSES UND DIE MONOTHEISTISCHE RELIGION DREI ABHANDLUNGEN . 1939 VERLAG ALLERT DE LANGE AMSTERDAM Copyright 1939 by Allen de Lange – Amsterdam Printed in the Netherlands Druck: Drokkerij G. J. ¥an Amerongen N.V. Amersfoort (Holland) INHALT I. MOSES EIN ÄGYPTER Seite 7 IL WENN MOSES EIN ÄGYPTER WAR…. III. MOSES, SEIN VOLK, UND DIE MONOTHEISTISCHE RELIGION . . . Erster Teil 9S Vorbemerkung I 97 Vorbemerkung II loi A. Die historische Voraussetzung . . . . lO} B. Latenzzeit und Tradition 119 C. Die Analogie . 130 D. Anwendung 144 E. Schwierigkeiten 165 Zweiter Teil Zusammenfassung und Wiederholung . a. Das Volk Israel b. Der grosse Mann ….. c. Der Fortschritt in der Geistigkeit d. Der Triebverzicht …. e. Der Wahrheitsgehalt der Religion f. Die Wiederkehr des Verdrängten g. Die historische Wahrheit . . . h. Die geschichtliche Entwicklung . 183 186 189 197 204 216 220 22J 232 MOSES EIN ÄGYPTER inem Volkstum den Mann abzusprechen, den es als den grössten unter seinen Söhnen rühmt, ist nichts, was man gern oder leichthin unternehmen wird, zumal wenn man selbst diesem Volke angehört. Aber man wird sich durch kein Beispiel bewegen lassen, die ‘ Wahrheit zugunsten vermeintlicher nationaler Interessen zurückzusetzen, und man darf ja auch von der Klärung eines Sachverhalts einen Gewinn für unsere Einsicht erwarten. Der Mann Moses, der dem jüdischen Volke Befreier, Gesetzgeber und Religionsstifter war, gehört so entlegenen Zeiten an, dass man die Vorfrage nicht umgehen kann, ob er eine historische Persönlichkeit oder eine Schöpfung der Sage ist. Wenn er gelebt hat, so war es im 13., vielleicht aber im 14. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung; wir haben keine andere Kunde von ihm als aus den heiligen Büchern und den schriftlich niedergelegten Traditionen der Juden. Wenn darum auch die Entscheidung der letzten Sicherheit entbehrt, so hat sich doch die überwiegende Mehrheit der Historiker dafür /. Moses ein Ägypter ausgesproehen, dass Moses wirklich gelebt und der an ihn geknüpfte Auszug aus Ägypten in der Tat stattgefunden hat. Man behauptet rmfr gutem Recht, dass die spätere Geschichte” des Volkes Israel unverständlich wäre, wenn man diese Voraussetzung nicht zugeben würde. Die heutige Wissenschaft ist ja überhaupt vorsichtiger geworden und verfährt weit schonungsvoller mit Überlieferungen als in den Anfangszeiten der historischen Kritik. Das Erste, das an der Person Moses’ unser Interesse anzieht, ist der Name, der im Hebräischen Mosche lautet. Man darf fragen: woher stammt er? was bedeutet er? Bekanntlich bringt schon der Bericht in Exodus, Kap, 2 eine Antwort, Dort wird erzählt, dass die ägyptische Prinzessin, die das im Nil ausgesetzte Knäblein gerettet, ihm diesen Namen gegeben mit der etymologischen Begründung: denn ich habe ihn aus dem Wasser gezogen. Allein diese Erklärung ist offenbar unzulänglich. „Die biblische Deutung des Namens ,Der aus dem Wasser Gezogene’ ‘% urteilt ein Autor im „Jüdischen Lexikon”,*) „ist Volksetymologie, mit der schon ///. Moses, sein Volk, sich nicht um sie und um ihre psychische Vertretung, so dass sie leicht in aktiven Widerspruch zu beiden geraten. Sie sind gleichsam ein Staat im Staat, eine unzugängliche, zur Zusammenarbeit unbrauchbare Partei, der es aber gelingen kann, das andere, sog. Normale zu überwinden und in ihren Dienst zu zwingen. Geschieht dies, so ist damit die Herrschaft einer inneren psychischen Realität über die Realität der Aussenwelt erreicht, der Weg zur Psychose eröffnet.) Auch wo es nicht so weit kommt, ist die praktische Bedeutung dieser Verhältnisse kaum zu überschätzen. Die Lebenshemmung und Lebensunfähigkeit der von einer Neurose beherrschten Personen ist ein in der menschlichen Gesellschaft sehr bedeutsamer Faktor, und man darf in ihr den direkten Ausdruck ihrer Fixierung an ein frühes Stück ihrer Vergangenheit erkennen. Und nun fragen wir, was ist es mit der Latenz, die uns mit Rücksicht auf die Analogie besonders interessieren muss? An das Trauma der Kindheit kann sich ein neurotischer Ausbruch unmittelbar anschliessen, eine Kindheitsneurose, erfüllt von den Bemühungen zur Abwehr, unter Bildung von Symptomen. Sie kann längere Zeit anhalten, auffällige Störungen verursachen, aber auch latent verlaufen und übersehen werden. In ihr behält in der Regel die Abwehr die Oberhand; auf jeden Fall bleiben Ichveränderungen, 138 und die monotheistische Religion den Narbenbildungen vergleichbar, zurück. Nur selten setzt sich die Kindemeurose ohne Unterbrechung in die Neurose des Erwachsenen fort. Weit häufiger wird sie abgelöst von einer Zeit anscheinend ungestörter Entwicklung, ein Vorgang, der durch das Dazwischentreten der physiologischen Latenzperiode unterstützt oder er- möglicht wird. Erst später tritt die Wandlung ein, mit der die endgültige Neurose als verspätete Wirkung des Traumas manifest wird. Dies geschieht entweder mit dem Einbruch der Pubertät oder eine Weile später. Im ersteren Falle, indem die durch die physische Reifung verstärkten Triebe nun den Kampf wiederaufnehmen können, in dem sie anfänglich der Abwehr unterlegen sind, im anderen Falle, weil die bei der Abwehr hergestellten Reaktionen und Ichveränderungeö sich nun als hinderlich für die Erledigung der neuen Lebensaufgaben erweisen, so dass es nun zu schweren Konflikten zwischen den Anforderungen der realen Aussenwelt und dem Ich kommt, das seine im Abwehrkampf mühsam erworbene Organisation bewahren will. Das Phänomen einer Latenz der Neurose zwischen den ersten Reaktionen auf das Trauma und dem späteren Ausbruch der Erkrankung muss als typisch anerkannt werden. Man darf diese Erkrankung auch als Heilungsversuch ansehen, als Bemühung, die durch den Einfluss des 139 ///. Moses, sein Volk, Traumas abgespaltenen Anteile des Ichs wieder mit dem übrigen zu versöhnen und zu einem gegen die Aussenwelt machtvollen Ganzen zu vereinigen. Aber ein solcher Versuch gelingt nur selten, wenn nicht die analytische Arbeit zu Hilfe kommt, auch dann nicht immer, und er endet häufig genug in einer völligenVerwüstung und Zersplitterung des Ichs oder in dessen Überwältigung durch den frühzeitig abgespaltenen, vom Trauma beherrschten Anteil. Um die Überzeugung des Lesers zu gewinnen, wäre die ausführliche Mitteilung zahlreicher neurotischer Lebensgeschichten erforderlich. Aber bei der” “Weitläufigkeit und Schwierigkeit des Gegenstandes würde dies den Charakter dieser Arbeit völlig aufheben. Sie würde sich in eine Abhandlung über Neurosenlehre umwandeln und auch dann wahrscheinlich nur auf jene Minderzahl wirken, die das Studium und die Ausübung der Psychoanalyse zur Lebensaufgabe gewählt hat. Da ich mich hier an einen weite- ren Kreis wende, kann ich nichts anderes tun, als den Leser ersuchen, dass er den im. Vorstehenden abgekürzt mitgeteilten Ausführungen eine gewisse vorläufige Glaubwürdigkeit zugestehe, womit also das Zugeständnis meinerseits ver- bunden ist, dass er die Folgerungen, zu denen ich ihn führe, nur dann anzunehmen braucht, 140 und die monotheistische Religion wenn die Lehren, die ihre Voraussetzungen sind, sich als richtig bewähren. Ich kann immerhin versuchen, einen einzelnen Fall zu erzählen, der manche der erwähnten Eigentümlichkeiten der Neurose besonders deutlich erkennen lässt. Natürlich darf man von einem einzigen Fall nicht erwarten, dass er alles zeigen wird, und braucht nicht enttäuscht zu sein, wenn er sich inhaltlich weit von dem entfernt, wozu wir die Analogie suchen. Das Knäblein, das, wie so häufig in kleinbürgerlichen Familien, in den ersten Lfebensjahren das Schlafzimmer mit den Eltern teilte, hatte wiederholt, ja regelmässig, Gelegenheit, im Alter der kaum erreichten Sprachfähigkeit die sexuellen Vorgänge zwischen den Eltern zu beobachten, manches zu sehen und mehr noch zu hören. In seiner späteren Neurose, die unmittelbar nach der ersten spontanen Pollution ausbricht, ist Schlafstörung das früheste und lästigste Symptom. Er wird ausserordentlich empfindlich’ gegen nächtliche Geräusche und kann, einmal geweckt, den Schlaf nicht wiederfinden. Diese Schlafstörung war ein richtiges Kompromisssymptom, einerseits der Ausdruck seiner Abwehr gegen jene nächtlichen Wahmehmungen, andererseits ein Versuch, das Wachsein wiederherzustellen, in dem er jenen Eindrücken lauschen konnte. 141 ///, Moses, sein Volk, Durch solche Beobachtung frühzeitig zu aggressiver Männlichkeit geweckt, begann das Kind seinen kleinen Penis mit der Hand zu erregen undverschiedene sexuelle Angriffe auf die Mutter zu unternehmen, in der Identifizierung mit dem Vater, an dessen Stelle er sich dabei setzte. Das ging so fort, bis er sich endlich von der Mutter das Verbot holte, sein Glied zu berühren, und des weiteren die Drohung von ihr hörte, sie werde es dem Vater sagen und der ihm zur Strafe das sündige Glied wegnehmen. Diese Kastrationsdrohung hatte eine ausserordentlich starke traumatische Wirkung auf den Knaben. Er gab seine sexuelle Tätigkeit auf und änderte seinen Charakter. Anstatt sich mit dem Vater zu identifizieren, fürchtete er ihn, stellte sich passiv zu ihm ein und provozierte ihn durch gelegentliche Schlimmheit zu körperlichen Züchtigungen, die für ihn sexuelle Bedeutung hatten, so dass er sich dabei mit der misshandelten Mutter identifizieren konnte. An die Mutter selbst klammerte er sich immer ängstlicher an, als ob er keinen Moment lang ihre Liebe entbehren könnte, in der er den Schutz gegen die vomVater drohende Kastrationsgefahr erblickte. In dieser Modifikation des Ödipuskomplexes verbrachte er die Latenzzeit, die von auffälligen Störungen frei blieb. Er wurde ein Musterknabe, hatte guten Erfolg in der Schule. 142 und die monotheistische Religion Soweit haben wir die unmittelbare Wirkung des Traumas verfolgt und die Tatsache der Latenz bestätigt. Der Eintritt der Pubertät brachte die manifeste Neurose und offenbarte deren zweites Hauptsymptom, die sexuelle Impotenz. Er hatte die Empfindlichkeit seines Gliedes eingebüsst, versuchte nicht, es zu berühren, wagte nicht, sich einer Frau in sexueller Absicht zu nähern. Seine sexuelle Betätigung blieb eingeschränkt auf psychische Onanie mit sadistisch-masochistischen Phantasien, in denen man unschwer die Ausläufer jener frühen Coitusbeobachtungen an den Eltern erkennt. Der Schub verstärkter Männlichkeit, den die Pubertät mit sich bringt, wurde für wütenden Vaterhass und Widersetzlichkeit gegen den Vater aufgewendet. Dies extreme, bis zur Seibstzerstörung rücksichtslose Verhältnis zumVater verschuldete auch seinenMisserfolg im Leben und seine Konflikte mit der Aussenwelt. Er durfte es in seinem Beruf zu nichts bringen, weil der Vater ihn in diesen Beruf gedrängt hatte. Er machte auch keine Freunde, stand nie gut zu seinen Vorgesetzten. Als er, mit diesen Symptomen und Unfähigkeiten behaftet, nach dem Tode des Vaters endlich eine Frau gefunden hatte, kamen wie als Kern seines Wesens Charakterzüge bei ihm zum Vorschein, die den Umgang mit ihm zur schweren 143 ni. Moses, sein Volk, Aufgabe für alle ihm Näherstehenden machte. Er entwickelte eine absolut egoistische, despotische und brutale Persönlichkeit, der es offenbar Bedürfnis war, die anderen zu unterdrücken und zu kränken. Es war die getreue Kopie des Vaters, wie sich dessen Bild in seiner Erinnerung gestaltet hatte, also ein Wiederaufleben der Vateridentifizierung, in die sich seinerzeit der klei- ^ ne Knabe aus sexuellen Motiven begeben hatte./ In diesem Stück erkennen wir die Wiederkehr des Verdrängten, die wir nebst den unmittelba- ren Wirkungen des Traumas und dem Phänomen der Latenz unter den wesentlichen Zügen einer Neurose beschrieben haben. D Anwendung Frühes Trauma – Abwehr – Latenz – Ausbruch der neurotischen Erkrankung – teilweise Wiederkehr des Verdrängten: so lautete die Formel, die wir für die Entwicklung einer Neurose aufgestellt haben. Der Leser wird nun eingeladen, den Schritt zur Annahme zu machen, dass im Leben der Menschenart ähnliches vorgefallen ist wie in dem der Individuen. Also dass es auch hier Vorgänge gegeben hat sexuell-aggressiven Inhalts, die bleibende Folgen hinterlassen ha144 und die monotheistische Religion ben, aber zumeist abgewehrt, vergessen wurden, später, nach langer Latenz zur “Wirkung gekommen sind und Phänomene, den Symptomen ähnlich in Aufbau und Tendenz, geschaffen haben. Wir glauben diese Vorgänge erraten zu können und wollen zeigen, dass ihre symptomähnlichen Folgen die religiösen Phänomene sind. Da sich seit dem Auftauchen der Evolutionsidee nicht mehr bezweifeln lässt, dass das Menschengeschlecht eine Vorgeschichte hat, und da diese unbekannt, das heisst vergessen ist, hat ein solcher Schluss beinahe das Gewicht eines Postulats. Wenn wir erfahren, dass die wirksamen und vergessenen Tranmen sich hier wie dort auf das Leben in der menschlichen Familie beziehen, werden wir “dies als eine hocherwünschte, nicht vorhergesehene, von den bisherigen Erörtungen nicht erforderte Zugabe begrüssen. Ich habe diese Behauptungen schon vor einem Vierteljahrhundert in meinem Buch „Totem und Tabu” (1912) aufgestellt und brauche sie hier nur zu wiederholen. Die Konstruktion geht von einer Angabe Ch. Darwins aus und bezieht eine Vermutung von Atkimon ein. Sie besagt, dass in Urzeiten der Urmensch in kleinen Horden lebte, jede unter der Herrschaft eines star- ken Männchens. Die Zeit ist nicht angebbar, der Anschluss an die uns bekannten geologischen 145 10 ///. Moses, sein Volk, Epochen nicht erreicht, wahrscheinlich hatte es jenes Menschenwesen in der Sprachentwicklung noch nicht weit gebracht. Ein wesentliches Stück der Konstruktion ist die Annahme, dass die zu beschreibenden Schicksale alle Urmenschen, also alle unsere Ahnen betroffen haben. Die Geschichte wird in grossartigerVerdichtung erzählt, als ob sich ein einziges Mal zugetragen hätte, was sich in Wirklichkeit über Jahrtausende erstreckt hat und in dieser langen Zeit ungezählt oft wiederholt worden ist. Das starke Männchen war Herr und Vater der ganzen Horde, unbeschränkt in seiner Macht, die er gewalttätig gebrauchte. Alle weiblichen Wesen waren sein Eigentum, die Frauen und Töchter der eigenen Horde, wie vielleicht auch die aus anderen Horden geraubten. Das Schicksal der Söhne war ein hartes; wenn sie dit Eifersucht des Vaters erregten, wurden sie erschlagen oder kastriert oder ausgetrieben. Sie waren darauf angewiesen, in kleinen Gemeinschaften zusammenzuleben und sich Frauen durch Raub zu verschaffen, wo es dann dem einen oder anderen gelingen konnte, sich zu einer ähnlichen Position emporzuarbeiten wie die des Vaters in der Urhorde. Eine Ausnahmestellung ergab sich aus natürlichen Gründen für die jüngsten Söhne, die durch die Liebe der Mütter geschützt aus dem Altern des Vaters Vorteil ziehen und ihn 146 und die monotheistische Religion nach seinem Ableben ersetzen konnten. Sowohl von der Austreibung der älteren wie von der Bevorzugung der jüngsten Söhne glaubt manNachklänge in Sagen und Märchen zu erkennen. Der nächste entscheidende Schritt zur Änderung dieser ersten Art von „sozialer” Organisation soll gewesen sein, dass die vertriebenen, in Gemeinschaft lebenden Brüder sich zusammentaten, den Vater überwältigten und ihn nach der Sitte jener Zeiten roh verzehrten. An diesem Kannibalismus braucht man keinen Anstoss zu nehmen, er ragt weit in spätere Zeiten hinein.Wesentlich ist es aber, dass wir diesen Urmenschen die nämlichen Gefühlseinstellungen zuschreiben, wie wir sie bei den Primitiven der Gegenwart, unseren Kindern, durch analytische Erforschung feststellen können. Also dass sie den Vater nicht nur hassten und fürchteten, sondern auch ihn als Vorbild verehrten, und dass jeder sich in Wirklichkeit an seine Stelle setzen wollte. Der kannibalistische Akt wird dann verständlich als Versuch, sich durch Einverleibung eines Stücks von ihm der Identifizierung mit ihm zu versichern. Es ist anzunehmen, dass nach der Vatertötung eine längere Zeit folgte, in der die Brüder mit einander um das Vatererbe stritten, das ein jeder für sich allein gewinnen wollte. Die Einsicht in die Gefanren und die Erfolglosigkeit dieser Kämpfe, die Erinnerung an die gemeinsam voU147 ///, Moses, sein Volk, brachte Befreiungstat und die Gefühlsbindungen aneinander, die während der Zeiten der Vertreibung entstanden waren, führten endlich zu einer Einigung unter ihnen, einer Art von Ge- . seilschaftsvertrag./Es entstand die erste Form einer sozialen Organisation mit Triebverzkht, Anerkennung von gegenseitigen Verpflichtungen, Einsetzung bestimmter, für unverbrüchlich (heilig) erklärter Institutionen, die Anfänge al- • so von Moral und Recht. Jeder einzelne verzichtete auf das Idej,Ldie_¥aterstellung für sich zu erwerbjen, auf den Besitz von Mutter und Schwest-ern. Damit war das Inzesttabu und das Gebot der Exogamie gegeben. Ein gutes Stück der durch die Beseitigung des Vaters frei gewordenen Machtvollkommenheit ging auf die Frau- -f en über, es kam die Zeit des Matriarchats. Das I Andenken des Vaters lebte zu dieser Periode des V „Brüderbundes” fort. Ein starkes, vielleicht zuerst immer auch gefürchtetes Tier wurde als Vaterersatz gefunden. Eine solche Wahl mag uns befremdend erschfinen, aber die Kluft, die der Mensch*später zwischen sich und dem Tier hergestellt hat, bestand nicht für den Primitiven und besteht auch nicht bei unseren Kindern, de- ren Tierphobien wir als Vaterangst verstehen konnten. Im Verhältnis zum Totemtier war die ursprüngliche Zwiespältigkeit (Ambivalenz) der Gefühlsbeziehung zum Vater voll erhalten. Der 148 und die monotheistische Religion Totem galt einerseits als leiblicher Ahnherr und Schutzgeist des Clans, er musste verehrt und geschont werden, anderseits wurde ein Festtag eingesetzt, an dem ihm das Schicksal bereitet wurde, das der Urvater gefunden hatte. Er wurde von allen Genossen gemeinsam getötet und verzehrt (Totemmahlzeit nach Robertson Smith). Dieser grosse Festtag war in Wirklichkeit eine Triumphfeier des Sieges der verbündeten Söhne über den Vater. Wo bleibt in diesem Zusammenhange die Religion? Ich meine, wir haben ein volle? Recht, im Totemismus mit seiner Verehrung eines Vaterersatzes, der durch die Totemmahlzeit bezeugten Ambivalenz^ der Einsetzung von Gedenkfeiern, von Verboten, deren Übertretung mit dem Tode bestraft wird, — wir dürfen im Totemismus, sage ich, die erste Erscheinungsform der Religion in der menschlichen Geschichte er- kennen und deren von Anfang an bestehende Verknüpfung mit sozialen Gestaltungen und moralischen Verpflichtungen bestätigen. Die weiteren Entwicklungen der Religion können wir hier nur in kürzester Überschau behandeln. Sie gehen ohne Zweifel parallel mit den kulturellen Fortschritten des Menschengeschlechts und denVeränderungen im Aufbau der menschlichen Gemeinschaften. Der nächste Fortschritt vom Totemismus her ist 149 ///. Moses, sein Volk, die Vermenschlichung des verehrtenWesens. An die Stelle der Tiere treten menschliche Götter, deren Herkunft vom Totem nicht verhüllt ist. Entweder wird der Gott noch inTiergestalt oder wenigstens mit dem Angesicht des Tieres gebildet oder der Totem wird zum bevorzugten Begleiter des Gottes, von ihm unzertrennlich, oder die Sage lässt den Gott gerade dieses Tier erlegen, das doch nur seine Vorstufe war. An einer nicht leicht bestimmbaren Stelle dieser Entwicklung treten grosse Muttergottheiten auf, wahrscheinlich noch vor den männlichen Göttern, die sich dann lange Zeit neben diesen er- halten. Unterdes hat sich eine grosse soziale Umwälzung vollzogen. Das Mutterrecht wurde durch eine wiederhergestellte patriarchalische Ordnung abgelöst. Die neuen Väter erreichten freilich nie die Allmacht des Urvaters, es waren •ihrer viele, die in grösseren Verbänden, als die Horde gewesen war, mit einander lebten; sie mussten sich mit einander gut vertragen, blieben durch soziale Satzungen beschränkt. ; “Wahrscheinlich entstanden die Muttergottheiten zur Zeit der Einschränkung des Matriarchats zur Entschädigung der zurückgesetzten Mütter. Die männlichen Gottheiten erscheinen zuerst als , Söhne neben den grossen Müttern, erst später nehmen sie deutlich die Züge von Vatergestalten an. Diese männlichen Götter des Polytheismus ISO und die monotheistische Religion spiegeln die Verhältnisse der patriarchalischen Zeit wider. Sie sind zahlreich, beschränken einander gegenseitig, unterordnen sich gelegentlich einem überlegenen Obergott. Der nächste Schritt aber führt zu dem Thema, das uns hier beschäftigt, zur Wiederkehr des einen, einzigen, unumschränkt herrschenden Vatergottes. Es ist zuzugeben, dass diese historische Übersicht lückenhaft und in manchen Punkten ungesichert ist. Aber wer unsere Konstruktion der Urgeschichte nur für phantastisch erklären wollte, der würde den Reichtum und die Beweiskraft des Materials, das in sie eingegangen ist, arg unterschätzen. Grosse Stücke der Vergangenheit, die hier zu einem Ganzen verknüpft werden, sind historisch bezeugt, der Totemismus, die Aß.nnerbünde. Anderes hat sich in aus- gezeichneten Repliken erhalten. So ist es mehr^ mals einem Autor aufgefallen, wie getreu der Ritus der christlichen Kommunion, in der der Gläubige’ in symbolischer FormBlut und Fleisch seines Gottes sich einverleibt, Sinn und Inhalt der alten Totemmahlzeit wiederholt. Zahlreiche Überbleibsel der vergessenen Urzeit sind in den Sagen und Märchen derVölker erhalten, und in unerwarteter Reichhaltigkeit hat das analytische Studium des kindlichen Seelenlebens Stoff geliefert, um die Lücken unserer Kenntnis der Urzeiten auszufüllen. Als Beiträge zum Ver151 ///. Moses, sein Volk, ständnis des so bedeutsamen Vaterverhältnisses brauche ich nur die Tierphobien, die so seltsam anmutende Furcht, vom Vater gefressen zu werden, und die ungeheure Intensität der Kastrationsangst anzuführen. Es ist nichts an unserer Konstruktion, was frei erfunden wäre, was sich nicht auf gute Grundlagen stützen könnte. Nimmt man unsere Darstellung der Urgeschichte als im ganzen glaubwürdig an, so erkennt man in den religiösen Lehren und Riten zweierlei Elemente: einerseits Fixierungen an die alte Familiengeschichte und Überlebsel derselben, anderseits Wiederherstellungen des Vergangenen, Wiederkehren des Vergessenen nach langen Intervallen. Der letztere Anteil ist der, der, bisher übersehen und darum nicht verstanden, hier an wenigstens einem eindrucksvollen Beispiel erwiesen werden soll. Es ist besonderer Hervorhebung wert, dass jedes aus der Vergessenheit wiederkehrende Stück sich mit besonderer Macht durchsetzt, einen unvergleichlich starkenEinfluss auf dieMenschenmassen übt und einen unwiderstehlichen Anspruch auf Wahrheit. erhebt, gegen den logischer Einspruch machtlos bleibt. Nach Art des credo quia absurdum. Dieser merkwürdige Charakter iässt sich nur nach dem Muster des Irrwahns derPsychotiker verstehen. Wir haben längst begriffen, dass in der”Wahnidee einStücK vergessenerWahr152 und die monotheistische Religion heit steckt, dass sich bei seiner Wiederkehr Entstellungen und Missverständnisse gefallen lassen musste, und dass die zwanghafte Überzeugung, die sich für den Wahn herstellt, von diesem Wahrheitskern ausgeht und sich auf die umhüllenden Irrtümer ausbreitet.; Einen solchen Ge- £alt an historisch zu nennender Wahrheit müssen wir auch den Glaubenssätzen der Religionen zugestehen, die zwar den Charakter psychotischer Symptome an sich tragen, aber als Massenphänomene dem Fluch der Isolierung entzogen sind. Kein anderes Stück der ReligionsgeschichteTst uns so durchsichtig geworden wie die Einsetzung des Monotheismus im Judentum und dessen Fortsetzung im Christentum, wenn wir die ähnlich lückenlos verständliche Entwicklung vom tierischen Totem zum menschlichen Gott mit seinem regelmässigen Begleiter beiseite lassen. (Noch jeder der vier christlichen Evangelisten hat sein Lieblingstier.) Lassen wir vorläufig die pharaonische Weltherrschaft als Anlass für das Auftauchen der monotheistischen Idee gelten, so sehen wir, dass diese von ihrem Boden losgelöst und auf ein anderes Volk übertragen, von diesem Volk nach einer langen Zeit der Latenz Besitz ergreift, als kostbarster Besitz von ihm gehütet wird und nun ihrerseits das Volk am Leben erhält, indem sie ihm den Stolz der Auser153 ///. Moses, sein Volk, wähltheit schenkt./ Es ist die Religion des Urvaters, an die sich die Hoffnung auf Belohnung, Auszeichnung, endlich auf Weltherrschaft knüpft. Diese letztere Wunschphantasie, vomjüdischen Volk längst aufgegeben, lebt noch heute bei den Feinden des Volkes im Glauben an die Verschwörung der „Weisen von Zion” fort. Wir behalten uns vor, in einem späteren Abschnitt darzustellen, wie die besonderen Eigentümlichkeiten der Ägypten entlehnten monotheistischen Religion auf das jüdische Volk wirken und sei- nen Charakter für die Dauer prägen mussten durch die Ablehnung von Magie,,jod , Mystik, die Anregung zu Fortschritten in der Geistigkeit, die Aufforderung zu Sublimierungen, wie das Volk durch den Besitz der Wahrheit beseligt, überwältigt vom Bewussfsein der Auserwähltheit, zur Hochschätzung des Intellektuellen und zur Betonung des Ethischen gelangte, und wie die traurigen Schicksale, die realen Enttäuschungen dieses Volkes alle diese Tendenzen verstärken konnten. Für jetzt wollen wir die Entwicklung in anderer Richtung verfolgen. Dk Wiedereinsetzung des Urvaters. in seine hi-^ storischen Rechte war ein grosser Fortschritt, aber es konnte nicht das Ende sein. Auch die anderen Stücke der prähistorischen Tragödie drängten nach Anerkennung. Was diesen Prozess in Gang brachte, ist nicht leicht zu erraten. 154 und die monotheistische Religion Es scheint, dass ein wachsendes Schuldbewusstsein sich des jüdischen Volkes, vielleicht der gan- zen damaligen Kulturwelt bemächtigt hatte als Vorläufer der Wiederkehr des verdrängten Inhalts. Bis dann einer aus diesem jüdischen Volk in der Justifizierung eines politisch-religiösen Agitators den Anlass fand, mit dem eine neue, die christliche Religion jich™vomJudentum ablöste. jP^^s, eia^römischer Jud^aus Tarsus, griff diesesSchuldBewusifseTh auf und führte es richtig auf seine urgeschichtliche Quelle zurück. Er nannte diese die „Erbsünde”, es war ein Verbrechen gegen Gott, dass nur durch den Tod gesühnt werden konnte. Mit der Erbsünde war der Tod in die “Welt gekommen. In Wirklichkeit war dies todwürdige- Verbrechen der Mord am später vergötterten Urvater gewesen. Aber es wurde nicht die Mordtat erinnert, sondern anstatt dessen ihre Sühnung phantasiert, und darum konnte diese Phantasie als Erlösungsbotschaft (Evangelium) begrisst werden. Ein SohnlGottes hatte sich als Unschuldiger töten lassen und damit die Schuld Aller auf sich genommen. Es musste ein Sohn sein, denn es war ja ein Mord am Vater gewesen. Wahrscheinlich hatten Traditionen aus orientalischen und griechischen Mysterien auf den Ausbau der Erlösungsphantasie Einfluss genommen. Das Wesentliche an ihr scheint Paulus’ eigener Beitrag gewesen zu 155 in. Moses, sein Volk, sein. Er war ein im eigentlichsten Sinn religiös veranlagter Mensch; die dunklen Spuren der Vergangenheit lauerten in seiner Seele, bereit zum Durchbruch in bewusstere Regionen. Dass sich der Erlöser schuldlos geopfert hatte, war eine offenbar tendenziöse Entstellung, die dem logischen Verständnis Schwierigkeiten bereitete, denn wie soll ein an der Mordtat Unschuldiger die Schuld der Mörder auf sich nehmen können, dadurch, dass er sich selbst töten lässt? In der historischen Wirklichkeit bestand ein solcher Widerspruch nicht. Der „Erlöser” konnte keinj.ndere^seln als der,Haiipischu|dige, der Anführer der Brüderbande, die jlen Vater überwältigt hatte. Ob es einen solchen Hauptrebellen und Anführer gegeben hat, muss man nach meinem Urteil unentschieden lassen. Es ist sehr wohl möglich, aber man muss auch in Betracht ziehen, dass jeder einzelne der Brüderbande gewiss den Wunsch hatte, für sich allein die Tat zu begehen und sich so eine Ausnahmestellung und einen Ersatz für die aufzugebende, in der ‘Gemeinschaft untergehende Vateridentifizierung zu schaffen. Wenn es keinen solchen Anführer gab, dann ist Christus der Erbe einer unerfüllt gebliebenen Wunschphantasie, wenn ja, dann ist er sein Nachfolger und seine Reinkarnation. Aber gleichgültig, ob hier Phantasie oder Wiederkehr einer vergessenen Realität vor156 und die monotheistische Religion liegt, jedenfalls ist an dieser Stelle der Ursprung der Vorstellung vom Heros zu finden, vom Helden, der sich ja immer gegen den Vater empört und ihn in irgendeiner Gestalt tötet/) Auch die wirkliche Begründung der sonst schwer nachweisbaren „tragischen Schuld” des Helden im Drama. Es ist kaum zu bezweifeln, dass der Held und der Chor im griechischen Drama die- sen selben rebellischen Helden und die Brüderbande darstellen, und es ist nicht bedeutungslos, dass im Mittelalter das Theater mit der Darstellung der Passionsgeschichte wieder neu beginnt. Wir haben schon gesagt, dass die christliche Zeremonie der ‘heiligen Kommunion, in der der Gläubige Blut und Fleisch des Heilands sich einverleibt, den Inhalt der alten Totemmählzeit wiederholt, freilich nur in ihrem zärtlichen, die Verehrung ausdrückenden, nicht in ihrem aggressiven Sinn. Die Ambivalenz, die das Vaterverhältnis beherrscht, zeigte sich aber deutlich im Endergebnis der religiösen Neuerung. Angeblich zur Versöhnung des Vatergottes bestimmt, ging sie in dessen Entthronung und Beseitigung aus. Das Judentum war eine Vaterre- ^) Ernest Jones macht darauf aufmerksam, das der Gott Mithras, der den Stier tötet, diesen Anführer darstellen könnte, der sich seiner Tat rühmt. Es ist bekannt, wie lange die Mithrasverehrung mit dem jungen Christentum um den Endsieg stritt. 157 ///. Moses, sein Volk, ligion gewesen, das Christentum wurde eine ßohnesreligion. Der alte Gottvater pat hinter Christus zurück, Christus, der Sohn, kam an sei- ne Stelle, ganz so, wie es in jener Urzeit jeder Sohn ersehnt hatte. Pa.ulus^,ilß,LEQrt,setzer_des Judentums,,,w.iu:de-,-au.ck,sein,_.Eers,törer. Seinen Erfolg dankte er gewiss in erster Linie der Tatsache, dass er durch die Erlösungsidee das Schuldbewusstsein der Menschheit beschwor, aber daneben auch dem Umstand, .dass er, die Auserwähltheit seines Volkes und ihr sichtbares Anzeichen, die Beschneidung, aufgab, so .„dass die neue Religion eine universellej__alle_^Menscheii’umfassende werden konnte. Mag an die- ” sem Schritt des Paulus auch seine persönliche Rachsucht Anteil gehabt haben ob des Widerspruchs, den seine Neuerung in jüdischen Kreisen fand, so war doch damit ein Charakter der alten Atonreligion wiederhergestellt, eine Einengung aufgehoben worden, die sie beim Übergang auf einen neuen Träger, auf das jüdische Volk, er- worben hatte. In manchen Hinsichten bedeutete die neue Religion eine kulturelle Regression gegön die ältere, jüdische, wie es ja beim Einbruch oder bei der Z.ulassung neuer Menschenmassen von niedrigerem Niveau regelmässig der Fall ist. Die christliche Religion hielt die Höhe der Vergeistigung nicht ein, zu der sich das Judentum aufge158 und die monotheistische Religion Schwüngen hatte. Sie war nicht mehr streng mo- ‘notheistisch, übernahm von den umgebenden Völkern zahlreiche symbolische Riten, stellte die grosse Muttergottheit wieder her und fand Platz zur Unterbringung vieler Göttergestalten des Polytheismus in durchsichtiger Verhüllung, ob2war in untergeordneten Stellungen. Vor allem verschloss sie sich nicht wie die Atonreligionund die ihr nachfolgende mosaische dem Eindringen abergläubischer, magischer und mystischer Elemente, die für die geistige Entwicklung der nächsten zwei Jahrtausende eine schwere Hemmung bedeuten sollten. Der Triumph des Christentums war ein erneuerter Sieg der Ammonspriester über den Gott Ikhnatons nach anderthalbtausendjährigem Intervall und auf erweitertem Schauplatz. Und doch, war das Christentum religionsgeschichtlich, d.h. in Bezug auf die “Wiederkehr des Verdrängten, ein Fortschritt, die jüdische Religion von da ab gewissermassen ein Fossil. Es wäre der Mühe wert, zu verstehen, wie es kam,dass die monothe-istische Idee grade auf das jüdische Volk einen so tiefen Eindruck machen und von ihm so zähe festgehalten werden konnte. Ich glaube, man kann diese Frage beantworten. Das Schicksal hatte dem jüdischen Volke die Grosstat und Untat der Urzeit, die Vatertötung, näher gerückt, indem es dasselbe veran139 ///. Moses, sein Volk, lasste, sie an der Person des Moses, einer hervorragenden Vatergestalt, zu wiederholen. Es war ein Fall von „Agieren” anstatt zu erinnern, wie er sich so häufig während der analytischen Arbeit am Neurotiker ereignet. Auf die Anregung zur Erinnerung, die ihnen die Lehre Moses’ brachte, reagierten sie aber mit der Verleugnung ihrer Aktion, blieben bei der Anerkennung ‘des grossen Vaters stehen und sperrten sich so den Zugang zur Stelle, an der später Paulus die Fortsetzung der Urgeschichte anknüpfen sollte. Es ist kaum gleichgültig oder zufällig, dass die gewaltsame Tötung eines anderen grossen Mannes auch der Ausgangspunkt für die religiöse Neuschöpfung des Paulus wurde. Eines Mannes, den eine kleine Anzahl von Anhängern in Judäa für den Sohn Gottes und den angekündigten Messias hielt, auf den auch später ein Stück der dem Moses angedichteten Kindheitsgeschichte überging, von dem wir aber in Wirklichkeit kaum mehr Sicheres wissen als von Moses selbst, nicht wissen, ob er wirklich der grosse Lehrer war, den die Evangelien schildern, oder ob nicht vielmehr die Tatsache und die Umstände seines Todes entscheidend wurden für die Bedeutung, die seine Person gewonnen hat. Paulus, der sein Apostel wurde, hat ihn selbst nicht gekannt. Die von SelUn aus ihren Spuren in der Tradition i6o und die monotheistische Religion erkannte, merkwürdigerweise auch vom jungen Goethe ohne jeden Beweis angenommene,Törang | des Moses durch sein Judenvolk*) wird so ein un- ” entbehrliches Stück unserer Konstruktion, ein wichtiges Bindeglied zwischen dem vergessenen Vorgang der Urzeit und dem späten Wiederauftauchen in der Form der monotheistischen Religionen.’) Es ist eine ansprechende Vermutung, dass die Reue um den Mord an Moses den Antrieb zur Wunscfiphantasie vom Messias gab, der wiederkommen und seinem Volk die Erlösung und die versprochene Weltherrschaft bringen sollte. Wenn Moses dieser erste Messias war, dann ist Christus sein Ersatzmann und Nachfolger geworden, dann konnte auch Paulus mit einer gewissen historischen Berechtigung den Völkern zurufen: Sehet, der Messias ist wirklich gekommen, er ist ja vor Euren Augen hingemordet worden. Dann ist auch an der Auferstehung Christi ein Stück historischer Wahrheit, denn er war der wieder erstandene Moses, hinter diesem der wiedergekehrte Urvater der primitiven Horde, verklärt und als Sohn an die Stelle des Vates gerückt. • ^) Israel in der Wüste. Bd. 7 der Weimarer Ausgabe, S. 170. ^) Vgl. zu diesem Thema die bekannten Ausführungen von Frazer, The golden Bough, vol. III, The dying God. 161 11 ///. Moses, sein Volk, Das arme jüdische Volk, das mit gewohnter Hartnäckigkeit den Mord am Vater zu verleugnen fortfuhr, hat im Laufe der Zeiten schwer dafür gebüsst. Es wurde ihm immer wieder vorgehalten: Ihr habt unseren Gott getötet. Und dieser Vorwurf hat recht, wenn man ihn richtig übersetzt. Er lautet dann auf die Geschichte der Religionen bezogen: Ihr wollt nicht zugeben, dass ihr Gott (das Urbild Gottes, den Urvater, und seine späteren Reinkarnationen) gemordet habt. Ein Zusatz sollte aussagen: Wir haben freilich dasselbe getan, aber wir haben es zugestanden und wir sind seither entsühnt. /Nicht alle Vorwürfe, mit denen der Antisemitismus die Nachkommen des jüdischen Volkes verfolgt, können sich auf eine ähnliche Rechtfertigung berufen. Ein Phänomen von der Intensität und Dauerhaftigkeit des Judenhasses der Völker muss natürlich mehr als nur einen Grund habend Man kann eine ganze Reihe von Gründen erraten, manche offenkundig aus der Realität abgeleitet, die keiner Deutung bedürfen, andere tieferliegende, aus geheimen Quellen stammend, die man als die spezifischen Motive- anerkennen möchte. Von den ersteren ist der Vorwurf der Landfremdheit wohl der hinfälligste, denn an vielen, heute vom Antisemitismus beherrschten Orten gehören die Juden zu den ältesten Anteilen der Bevölkerung oder sind selbst früher zur 162 und die monotheistische Religion Stelle gewesen als die gegenwärtigen Einwohner. Das trifft z.B. zu für die Stadt Köln, wohin die Juden mit den Römern kamen, ehe sie noch von Germanen besetzt wurde. Andere Begründungen des Judenhasses sind stärker, so der Umstand, dass sie zumeist als Minoritäten unter anderenVölkern leben, denn das Gemeinschafts- gefühl der Massen braucht zu seiner Ergänzung die Feindseligkeit gegen eine aussenstehende Minderzahl, und die numerische Schwäche dieser Ausgeschlossenen fordert zu deren Unterdrückung auf. Ganz unverzeihlich sind aber zwei andere Eigenheiten der Juden. Erstens, dass sie in manchen Hinsichten verschieden sind von ihren „Wirtsvölkern”, Nicht grundverschieden, denn sie sind nicht fremdrassige Asiaten, wie die Feinde behaupten, sondern zumeist aus Resten der mediterranen Völker zusammengesetzt und Erben der Mittelmeerkultur. Aber sie sind doch anders, oft in undefinierbarer Art anders als zu- mal die nordischen Völker, und die Intoleranz der Massen äussert sich merkwürdigerweise gegen kleine Unterschiede stärker als gegen fundamentale Differenzen. Noch stärker wirkt der zweite Punkt, nämlich dass sie allen Bedrückungen trotzen, dass es den grausamsten Verfolgungen nicht gelungen ist, sie auszurotten, ja, dass sie vielmehr die Fähigkeit zeigen, sich im Erwerbsleben zu behaupten und, wo man sie zu163 ///. Moses, sein Volk, lässt, wertvolle Beiträge zu allen kulturellen Leistungen zu machen. Die tieferen Motive des Judenhasses wurzeln in längst vergangenen Zeiten, sie wirken aus dem Unbewussten der Völker, und ich bin darauf gefasst, dass sie zunächst nicht glaubwürdig er- scheinen werden. Ich wage die Behauptung, d^ss I die Eifersucht auf das Volk, welches sich für das I erstgeborene, bevorzugte Kind Gottvaters ausI gab, bei den anderen heute noch nicht überwun- |den ist, so als ob sie dem Anspruch Glauben ge- • schenkt hätten. .Ferner hat unter den Sitten, durch die sich die Juden absonderten, die der Beschneidung einen unliebsamen, unheimlichen Eindruck gemacht, der sich wohl durch dieMahnung an die gefürchtete Kastration erklärt und damit an ein gern vergessenes Stück der urzeitlichen Vergangenheit rührt. Und endlich das späteste Motiv dieser Reihe, man sollte nicht vergessen, dass alle diese Völker, die sich heute im Judenhass hervortun, erst in späthistorischen Zeiten Christen geworden sind, oft durch blutigen Zwang dazu getrieben. Man könnte sagen, sie sind alle „schlecht getauft”, unter einer dünnen Tünche von Christentum sind sie geblieben, was ihre Ahnen waren, die einem barbarischen Polytheismus huldigten. Sie haben ihren Groll gegen die neue, ihnen aufgedrängte Religion nicht überwunden, aber sie haben ihn auf die Quelle 164 und die monotheistische Religion verschoben, von der das Christentum zu ihnen kam. Die Tatsache, dass die Evangelien eine Geschichte erzählen, die unter Juden und eigentlich nur von Juden handelt, hat ihnen eine solche Verschiebung erleichtert. Ihr Judenhass ist im Grunde Christenhass, und man braucht sich nicht zu wundern, dass in der deutschen nationalsozialistischen Revolution diese innige Beziehung der zwei monotheistischen Religionen in der feindseligen Behandlung beider so deutlichen Ausdruck findet. Schwierigkeiten Vielleicht ist es im Vorstehenden geglückt, die Analogie zwischen neurotischen Vorgängen und den religiösen Geschehnissen durchzuführen und damit auf den unvermuteten Ursprung der letz- __^ teren hinzuweisen. Bei dieser Übertragung aus der Individual- in die Massenpsychologie stellen sich zwei Schwierigkeiten heraus von verschiedener Natur und Würdigkeit, denen wir uns jetzt zuwenden müssen. Die erste ist, dass wir hier nur einen Fall aus der reichhaltigen Phänomenologie der Religionen behandelt, kein Licht , geworfen haben auf die -anderen. Mit Bedauern muss der Autor eingestehen, dass er nicht mehr geben kann als diese eine Probe, dass sein Fach165 ///. Moses, sein Volk, wissen nicht ausreicht, um die Untersuchung zu vervollständigen. Er kann aus seiner beschränkten Kenntnis etwa noch hinzufügen, der Fall der mahomedanischen Religionsstiftung erschei- ne ihm wie eine abgekürzte Wiederholung der jüdischen, als deren Nachahmung sie auftrat. Es scheint ja, dass der Prophet ursprünglich die Absicht hatte, für sich und sein Volk das Judentum voll anzunehmen. Die Wiedergewinnung des einzigen grossen Urvaters brachte bei den Arabern eine ausserordentliche Hebung des Selbstbewusstseins hervor, die zu grossen weltlichen Erfolgen führte, sich aber auch in ihnen erschöpfte. Allah zeigte sich seinem auserwählten Volk weit dankbarer als seinerzeit Jahve dem seinen. Aber die innere Entwicklung der neuen Religion kam bald zum Stillstand, vielleicht weil es an der Vertiefung fehlte, die im jüdischen Falle der Mord am Religionsstifter verursacht hatte. Die anscheinend rationalistischen Religionen des Ostens sind ihrem Kern nach Ahnenkult, machen also auch Halt bei ei- ner frühen Stufe der Rekonstruktion des Vergangenen. Wenn es richtig ist, dass. bei primitiven Völkern der Jetztzeit die Anerkennung ei- nes höchsten Wesens als einziger Inhalt ihrer Religion gefunden wird, so kann man dies nur als Verkümmerung der Religionsentwicklung auffassen und in Beziehung setzen zu den ungei66 und die monotheistische Religion zählten Fällen rudimentärer Neurosen, die man auf jenem anderen Gebiet konstatiert. Warum es hier wie dort nicht weitergegangen ist, dafür fehlt uns in beiden Fällen das Verständnis. Man muss daran denken, die individuelle Begabung dieser Völker, die Richtung ihrer Tätigkeit und ihrer allgemeinen sozialen Zustände dafür ver- antwortlich zu machen. Übrigens ist es eine gute Regel der analytischen Arbeit, dass man sich mit der Erklärung des Vorhandenen begnüge und sich nicht bemühe zu erklären, was nicht zustandegekommen ist. Die zweite Schwierigkeit bei dieser Übertragung auf die Massenpsychologie ist weit bedeutsamer, weil sie ein neues Problem von prinzipieller Natur aufwirft. Es stellt sich die Frage, in welcher Form ist die wirksame Tradition im Leben der Völker vorhanden, eine Frage, die es beim Individuum nicht gibt, denn hier ist sie durch die Existenz der Erinnerungsspuren des Vergangenen im Unbewussten erledigt. Gehen wir auf unser historisches Beispiel zurück.Wir haben das Kompromiss in Quades auf den Fortbestand ei- ner mächtigen Tradition bei den aus Ägypten Zurückgekehrten begründet. Dieser Fall birgt kein Problem. Nach unserer Annahme stützte sich eine solche Tradition auf bewusste Erinnerung an mündliche Mitteilungen, die die damals Lebenden von ihren Vorfahren, nur zwei oder 167 IIL Moses, sein Volk, drei Generationen zurück, empfangen hatten, und letztere waren Teilnehmer undAugenzeugen der betreffenden Ereignisse gewesen. Aber können wir für die späteren Jahrhunderte dasselbe glauben, dass die Tradition immer ein auf nor- male Weise mitgeteiltes “Wissen zur Grundlage hatte, das vom Ahn auf den Enkel übertragen worden? Welches die Personen waren, die ein solches Wissen bewahrten und es mündlich fortpflanzten, lässt sich nicht mehr wie im früheren Falle angeben. Nach Sellm war die Tradition . vom Mord an Moses in Priesterkreisen immer vorhanden, bis sie endlich ihren schriftlichen Ausdruck fand, der allein es Sellin möglich machte, sie zu erraten. Aber sie kann nur Wenigen bekannt gewesen sein, sie war nicht Volksgut. Und reicht das aus, um ihre Wirkung zu er- klären? Kann man einem solchen Wissen von Wenigen die Macht zuschreiben, die Massen so nachhaltig zu ergreifen, wenn es zu ihrer Kenntnis kommt? Es sieht doch eher so aus, als müsste auch in der unwissenden Masse etwas vorhanden sein, was dem Wissen der Wenigen irgendwieverwandt ist und ihm entgegenkommt, wenn es geäussert wird. Die Beurteilung wird noch schwieriger, wenn wir uns zum analogen Fall aus der Urzeit wenden. Dass es einen Urvater von den bekannten Eigenschaften gegeben und welches Schicksal 16% und die monotheistische Religion ihn betroffen, ist im Laufe der Jahrtausende ganz gewiss vergessen worden, auch kann man keine mündliche Tradition davon wie im Falle Moses annehmen. In welchem Sinne kommt also eine Tradition überhaupt in Betracht? In welcher Form kann sie vorhanden gewesen sein? Um es Lesern leichter zu machen, die nicht gewillt oder nicht vorbereitet sind, sich in einen komplizierten psychologischen Sachverhalt zu vertiefen, werde ich das Ergebnis der nun folgenden Untersuchung voranstellen. Ich meine, die Übereinstimmung zwischen dem Individuum und der Masse ist in diesem Punkt eine fast vollkommene, auch in den Massen bleibt der Eindruck der Vergangenheit in unbewusstenErinnerungsspuren erhalten. Beim Individuum glauben wir klar zu sehen. Die Erinnerungsspur des früh Erlebten ist in ihm erhalten geblieben, nur in einem besonderen psychologischen Zustand. Man kann sagen, das Individuum hat es immer gewusst, so wie man eben um das Verdrängte weiss. Wir haben uns da bestimmte, durch die Analyse unschwer zu erhärtende Vorstellungen gebildet, wie etwas vergessen werden und wie es nach einer “Weile wieder zum Vorschein kommen kann. Das Vergessene ist nicht ausgelöscht, sondern nur „verdrängt”, seine Erinnerungsspuren sind in aller Frische vorhanden, aber durch „Gegenbesetzun169 ///. Moses, sein Volk, gen” isoliert. Sie können nicht in den Verkehr mit den anderen intellektuellen Vorgängen eintreten, sind unbewusst, dem Bewusstsein unzugänglich. Es kann auch sein, dass gewisse Anteile des Verdrängten sich dem Prozess entzogen haben, der Erinnerung zugänglich bleiben, gelegendich im Bewusstsein auftauchen, aber auch dann sind sie isoliert, wie Fremdkörper ausser Zusammenhang mit dem anderen. Es kann so sein, aber es braucht nicht so zu sein, die Verdrängung kann auch vollständig sein und an diesen Fall wollen wir uns für das Weitere halten. Dies Verdrängte behält seinen Auftrieb, sein Streben, zum Bewusstsein vorzudringen. Es er- reicht sein Ziel unter drei Bedingungen, i) wenn die Stärke der Gegenbesetzung herabgesetzt wird durch Krankheitsprozesse, die das andere, das sogenannte Ich, befallen, oder durch eine andere Verteilung der Besetzungsenergien in diesem Ich, wie es regelmässig im Schlafzustand geschieht; 2) wenn die am Verdrängten haftenden Triebanteile eine besondere Verstärkung er- fahren, wofür die Vorgänge während der Pubertät das beste Beispiel geben; 3) wenn im re- zenten Erleben zu irgend einer Zeit Eindrücke, Erlebnisse auftreten, die dem Verdrängten so ähnlich sind, dass sie es zu erwecken vermögen.. Dann verstärkt sich das Rezente durch die la170 und die monotheistische Religion tente Energie des Verdrängten und das Verdrängte kommt hinter dem Rezenten mit seiner Hilfe zur Wirkung. In keinem dieser drei Fälle kommt das bisher Verdrängte glatt, unverändert zum Bewusstsein, sondern immer muss es sich Entstellungen gefallen lassen, die den Einfluss des nicht ganz überwundenen Widerstandes aus der Gegenbesetzung bezeugen oder den modifizierenden Einfluss des rezenten Erlebnisses oder beides. Als Kennzeichen und Anhalt zur Orientierung hat uns die Unterscheidung gedient, ob ein psychischer Vorgang bewusst oder unbewusst ist. Das Verdrängte ist unbewusst. Nun wäre es eine erfreuliche Vereinfachung, wenn dieser Satz auch eine Umkehrung zuliesse, wenn also die Differenz. der Qualitäten bewusst (bw.) und unbewusst (ubw.) zusammenfiele mit der Scheidung: ichzugehörig und verdrängt. Die Tatsache, dass es in unserem Seelenleben solche isolierten und unbewussten Dinge gibt, wäre neu und wichtig genug. In Wirklichkeit liegt es komplizierter. ^s ist richtig, dass alles Verdrängte un- bewusst ist, aber nicht mehr richtig, dass alles, was zum Ich gehört, bewusst ist. Wir werden darauf aufmerksam, dass das Bewusstsein eine flüchtige Qualität ist, die einem psychischen Vorgang nur vorübergehend anhaftet. Wir müssen darum für unsere Zwecke „bewusst” erset- ///. Moses, sein Volk, zen durch „bewusstseinsfähig” und nennen diese Qualität „vorbewusst” (vbw.). Wir sagen dann richtiger, das Ich ist wesentlich vorbewusst (virtuell bewusst), aber Anteile des Ichs sind unbewusst. Diese letztere Feststellung lehrt uns, dass die Qualitäten, an die wir uns bisher gehalten haben, zur Orientierung im Dunkel des Seelenlebens nicht ausreichen. Wir müssen eine andere Unterscheidung einführen, die nicht mehr qualitativ, sondern topisch und, was ihr einen besonderen Wert verleiht, gleichzeitig genetisch ist. Wir sondern jetzt in unserem Seelenleben, das wir als einen aus mehreren Instanzen, Bezirken, Provinzen zusammengesetzten Apparat auffassen, eine Region, die wir das eigentliche Ich heissen, von einer anderen, die wir das Es nennen. Das Es ist das ältere, das Ich hat sich aus ihm wie eine Rindenschicht durch den Einfluss der Aossenwelt entwickelt. Im Es greifen unsere ursprünglichen Triebe an, alle Vorgänge im Es verlaufen unbewusst. Das Ich deckt sich, wie wir bereits erwähnt haben, mit dem Bereich des Vorbewussten, es enthält Anteile, die nor- malerweise unbewusst bleiben. Für die psychischen Vorgänge im Es gelten ganz andere Gesetze des Ablaufs und der gegenseitigen Beeinflussung, als die im Ich herrschen. In Wirklichkeit ist es ja die Entdeckung dieser Unterschiede, 172 und die monotheistische Religion die uns zu unserer neuen Auffassung geleitet hat und diese rechtfertigt. Das Verdrängte ist dem Es zuzurechnen und unterliegt auch den Mechanismen desselben, es sondert sich nur in Hinsicht der Genese von ihm ab. ‘Die Differenzierung vollzieht sich in der Frühzeit, während sich das Ich aus dem Es entwickelt. Dann wird ein Teil’ der Inhalte des Es vom Ich aufgenommen und auf den vorbewussten Zustand gehoben, ein anderer Teil wird von dieser Übersetzung nicht betroffen und bleibt als das eigentliche Unbewusste im Es zurück. Im weiteren Verlauf der Ichbildung werden aber gewisse psychische Eindrücke und Vorgänge im Ich durch einen Abwehrprozess ausgeschlossen; der Charakter des Vorbewussten wird ihnen entzogen, so dass sie wiederum zu Bestandteilen des Es erniedrigt worden sind. Dies ist also das „Verdrängte” im Es. Was den Verkehr zwischen beiden seelischen Provinzen betrifft, so nehmen wir also an, dass einerseits der unbewusste Vorgang im Es aufs Niveau des Vorbewussten, gehoben und dem Ich einverleibt wird, und dass anderseits Vorbewusstes im Ich den umgekehrten Weg machen und ins Es zurückversetzt werden kann. Es bleibt ausserhalb unseres gegenwärtigen Interesses, dass sich später im Ich ein besonderer Bezirk, der des „ÜberIchs”, abgrenzt. 173 ///. Moses, sein Volk, Das alles mag weit entfernt von einfach scheinen, aber wenn man sich mit der ungewohnten räumlichen Auffassung des seelischen Apparats befreundet hat, kann es der Vorstellung doch keine besonderen Schwierigkeiten bereiten. Ich füge noch die Bemerkung an, dass die hier entwickelte psychische Topik nichts mit der Gehirnanatomie zu tun hat, sie eigentlich nur an einer Stelle streift. Das Unbefriedigende an dieser Vorstellung, das ich so deutlich wie jeder andere verspüre, geht von unserer völligen Unwissenheit über die dynamische Natur der seelischen Vorgänge aus. Wir sagen uns, was eine bewusste Vorstellung von einer vorbewussten, diese von einer unbewussten unterscheidet, kann nichts anderes sein als eine Modifikation, vielleicht auch eine andere Verteilung der psychischen Energie. Wir sprechen von Besetzungen und Überbesetzungen, aber darüber hinaus fehlt uns jede Kenntnis und sogar jeder Ansatz zu ei- ner brauchbaren Arbeitshypothese. Ober das Phänomen des Bewusstseins können wir noch angeben, dass es ursprünglich an der Wahrnehmung hängt. Alle Empfindungen,- die durch Wahrnehmung von Schmerz-, Getast-, Gehörsoder Gesichtsreizungen entstehen, sind am ehesten bewusst. Die Denkvorgänge und was ihnen im Es analog sein mag, sind an sich unbewusst und erwerben sich den Zugang zum Bewusstsein 174 und die monotheistische Religion durch Verknüpfung mit Erlnnerungsresten von Wahrnehmungen des Gesichts und Gehörs auf dem Wege der Sprachfunktion. Beim Tier, dem die Sprache fehlt, müssen diese Verhältnisse einfacher liegen. Die Eindrücke der frühen Traumen, von denen wir ausgegangen sind, werden entweder nicht ins Vorbewusste übersetzt oder bald durch die Verdrängung in den Eszustand zurückversetzt. Ihre Erinnerungsreste sind dann unbewusst und wirken vom Es aus. Wir glauben ihr weiteres Schicksal gut verfolgen zu können, solange es sich bei ihnen um Selbsterlebtes handelt. Eine neue Komplikation tritt aber hinzu, wenn wir auf die Wahrscheinlichkeit aufmerksam werden, dass im psychischen Leben des Individuums nicht nur selbsterlebte, sondern auch bei der Geburt mitgebrachte Inhalte wirksam sein mögen, Stücke von phylogenetischer Herkunft, eine ar- chaische Erbschaft. Es entstehen dann die Fragen, worin besteht diese, was enthält sie, was sind ihre Beweise? Die nächste und sicherste Antwort lautet, sie besteht in bestimmten Dispositionen, wie sie allen Lebewesen eigen sind. Also in der Fähigkeit und Neigung, bestimmte Entwicklungsrichtungen einzuschlagen und auf gewisse Erregungen, Eindrücke und Reize in einer besonderen Weise zu reagieren. Da die Erfahrung zeigt, dass sich 175 ///. Moses, sein Volk, bei den Einzelwesen der Menschenart in dieser Hinsicht Differenzen ergeben, so scUiesst die archaische Erbschaft diese Differenzen ein, sie stellen dar, was man als das konstitutionelle Moment im Einzelnen anerkennt. Da nun alle Menschen wenigstens in ihrer Frühzeit ungefähr das Nämliche erleben, reagieren sie darauf auch in gleichartiger Weise, und es konnte der Zweifel entstehen, ob man nicht diese Reaktionen mitsamt ihren individuellen Differenzen der archaischen Erbschaft zurechnen soll. Der Zweifel ist abzuweisen; durch die Tatsache dieser Gleichartigkeit wird unsere Kenntnis von der archaischen Erbschaft nicht bereichert. Indes hat die analytische Forschung einzelne Ergebnisse gebracht, die uns zu denken geben. Da ist zunächst die Allgemeinheit der Sprachsymbolik. Die symbolische Vertretung eines Gegenstands durch einen anderen — dasselbe ist bei Verrichtungen der Fall — ist all unseren Kindern geläufig und wie selbstverständlich. Wir können ihnen nicht nachweisen, wie sie es erlernt haben, und müssen in vielen Fällen zugestehen, dass ein Erlernen unmöglich ist. Es handelt sich um ein ursprüngliches Wissen, das der Erwachsene später vergessen hat. Er ver- wendet die nämlichen Symbole zwar in seinen Träumen, aber er versteht sie nicht, wenn der Analytiker sie ihm nicht deutet, und auch dann 176 und die monotheistische Religion schenkt er der Übersetzung ungern Glauben. Wenn er sich einer der so häufigen Redensarten bedient hat, in denen sich diese Symbolik fixiert findet, so muss er zugestehen, dass ihm deren eigentlicher Sinn völlig entgangen ist. Die Symbolik setzt sich auch über die Verschiedenheiten der Sprachen hinweg; Untersuchungen würden wahrscheinlich ergeben, dass sie ubiquitär ist, bei allen Völkern die nämliche. Hier scheint also ein gesicherter Fall von archaischer Erbschaft aus der Zeit der Sprachentwicklung vorzuliegen, aber man könnte immer noch eine andere Erklärung versuchen. Man könnte sagen, es handle sich umDenkbeziehungen zwischenVorstellungen, die sich während der historischen Sprachentwicklung hergestellt hatten und die nun jedesmal wiederholt werden müssen, wo eine Sprachentwicklung individuell durchgemacht wird. Es wäre_ dann ein Fall von Vererbung einer Denkdisposition wie sonst einer Triebdisposition und wiederum kein neuer Beitrag zu unserem’ Problem. Die analytische Arbeit hat aber auch anderes zu Tage gefördert, was in seiner Tragweite über das Bisherige hinausreicht. Wenn wir die Reaktionen auf die frühen Traumen studieren, sind wir oft genug überrascht, zu finden, dass sie sich nicht strenge an das wirklich selbst Erlebte halten, sondern sich in einer Weise von ihm entfer177 ///. Moses, sein Volk, nen,die weit besser zumVorbild eines phylogenetischen Ereignisses passt und ganz allgemein nur durch dessen Einfluss erklärt werden kann. Das Verhalten des neurotischen Kindes zu seinen Eltern im ödipus- und Kastrationskomplex ist überreich an solchen Reaktionen, die individuell ungerechtfertigt erscheinen und erst phylogenetisch, durch die Beziehung auf das Erleben früherer Geschlechter, begreiflich werden. Es wäre durchaus der Mühe wert, dies Material, auf das ich mich hier berufen kann, der Öffentlichkeit gesammelt vorzulegen. Seine Beweiskraft erscheint mir stark genug, um den weiteren Schritt zu wagen und die Behauptung aufzustellen, dass die archaische Erbschaft des Menschen nicht nur Dispositionen, sondern auch Inhalte umfasst, Erinnerungsspuren an das Erleben früherer Generationen. Damit wären Umfang wie Bedeutung der archaischen Erbschaft in bedeutungsvoller Weise gesteigert. Bei näherer Besinnung müssen wir uns eingestehen, dass wir uns seit langem so benommen haben, als stände die Vererbung von Erinnerungsspuren an das von Voreltern Erlebte, unabhängig von direkter Mitteilung und von dem Einfluss der Erziehung durch Beispiel, nicht in Frage. Wenn wir von dem Fortbestand einer alten Tradition in einem Volk, von der Bildung eines Volkscharakters sprechen, hatten wir meist 178 und die monotheistische Religion eine solche ererbte Tradition und nicht eine durch Mitteilung fortgepflanzte im Sinne. Oder wir haben wenigstens zwischen den beiden nicht unterschieden und uns nicht klar gemachtj welche Kühnheit wir durch solche Vernachlässigung begehen. Unsere Sachlage wird allerdings durch die gegenwärtige Einstellung der biologischen Wissenschaft erschwert, die von der Vererbung erworbener Eigenschaften auf die Nach- . kommen nichts wissen will. Aber wir gestehen in aller Bescheidenheit, dass wir trotzdem diesen Faktor in der biologischen Entwicklung nicht entbehren können^ Es handelt sich zwar in beiden Fällen nicht um das Gleiche, dort um er- worbene Eigenschaften, die schwer zu fassen sind, hier um Erinnerungsspuren an äussere Eindrücke, gleichsam Greifbares. Aber es wird wohl sein, dass wir uns im Grunde das eine nicht ohne das andere vorstellen können. Wenn wir den Fortbestand solcher Erinnerungsspuren in der archaischen Erbschaft annehmen, haben wir die Kluft zwischen Individual- und Massenpsychologie überbrückt,. können die Völker behandeln wie den einzelnen Neurotikeri Zugegeben, dass wir für die Erinnerungsspuren in der archaischen Erbschaft derzeit keinen stärkeren Beweis haben als jene Resterscheinungen der analytischen Arbeit, die eine Ableitung aus der Phylogenese erfordern, so erscheint uns dieser Be179 ///. Moses, sein Volk, weis doch stark genug, um einen solchen Sachverhalt zu postulieren. Wenn es anders ist, kommen wir weder in der Analyse noch in der Massenpsychologie auf dem eingeschlagenen Weg einen Schritt weiter. Es ist eine unvermeidliche Kühnheit. Wir tun damit auch noch etwas anderes. Wir verringern die Kluft, die frühere Zeiten menschlicher Oberhebung allzuweit zwischen Mensch und Tier aufgerissen haben. Wenn die sogenannten Instinkte der Tiere, die ihnen gestatten, sich von Anfang an in der neuen Lebenssituation so zu benehmen, als wäre sie eine alte, längst vertraute, wenn dies Instinktleben der Tiere überhaupt eine Erklärung zulässt, so kann es nur die sein, dass sie die Erfahrungen ihrer Art in die neue eigene Existenz mitbringen, also Erinnerungen an das von ihren Voreltern Erlebte in sich bewahrt haben. Beim Menschentier wäre es im Grunde auch nicht anders. Den Instinkten der Tiere entspricht seine eigene archaische Erbschaft, sei sie auch von anderem Umfang und Inhalt. Nach diesen Erörtungen trage ich kein Bedenken, auszusprechen, die Menschen haben es — in jener besonderen Weise — immer gewusst, dass sie einmal einen Urvater besessen und er- schlagen haben. Zwei weitere Fragen sind hier zu beantworten. i8o und die monotheistische Religion Erstens, unter welchen Bedingungen tritt eine solche Erinnerung in die archaische Erbschaft ein; zweitens, unter welchen Umständen kann sie aktiv werden, d.h. aus ihrem unbewussten Zustand im Es zum Bewusstsein, wenn auch ver- ändert und entstellt, vordringen? Die Antwort auf die erste Frage ist leicht zu formulieren: Wenn das Ereignis wichtig genug war oder sich oft genug wiederholt hat oder beides. Für den Fall der Vatertötung sind beide Bedingungen erfüllt. Zur zweiten Frage ist zu bemerken: Es mögen eine ganze Anzahl von Einflüssen in Betracht kommen, die nicht alle bekannt zu sein brauchen, auch ist ein spontaner Ablauf denkbar in Analogie zum Vorgang bei manchen Neurosen. Sicherlich ist aber von entscheidender Bedeutung die Erweckung der vergessenen Erinnerungsspur durch eine rezente reale Wiederholung des Ereignisses. Eine solche Wiederholung war der Mord an Moses; später der vermeintliche Justizmord an Christus, so dass diese Begebenheiten in den Vordergrund der Verursachung rücken. Es ist, als ob die Genese des Monotheismus diese Vorfälle nicht hätte entbehren können. Man wird an den Ausspruch des Dichters erinnert: „Was unsterblich im Gesang soll leben, muss im Leben untergehen.” ^) Zum Schluss eine Bemerkung, die ein psycholo- ^) Schiller, Die Götter Griechenlands. i8i ///. Moses, sein Volk, und die monotheistische Religion gisches Argument beibringt. Eine Tradition, die nur aufMitteilung gegründet wäre, könnte nicht den Zwangscharakter erzeugen, der den religiö- sen Phänomenen zukommt. Sie würde angehört, beurteilt, eventuell abgewiesen werden wie jede andere Nachricht von aussen, erreichte nie das Privileg der Befreiung vom Zwang des logischen Denkens. Sie muss erst das Schicksal der Verdrängung, den Zustand des Verweilens im Unbewussten durchgemacht haben, ehe sie bei ihrer Wiederkehr so mächtige “Wirkungen entfalten, die Massen in ihren Bann zwingen kann, wie wir -es an der religiösen Tradition mit Erstaunen und bisher ohne Verständnis gesehen haben. Und diese Überlegung fällt schwer ins Gewicht, um uns glauben zu machen, dass die Dinge wirklich so vorgefallen sind, wie wir zu schildern bemüht waren, oder wenigstens so ähnlich. 182 ZWEITER TEIL ZUSAMMENFASSUNG UND WIEDERHOLUNG Dernun folgende Teil dieser Studie kann nicht ohne weitläufige Erklärungen und Entschuldigungen in die Öffentlichkeit geschickt werden. Er ist nämlich nichts anderes als eine getreue, oft wörtliche Wiederholung des ersten Teils, verkürzt in manchen kritischen Untersuchungen und vermehrt um Zusätze, die sich auf das Problem, wie entstand der besondere Charakter des jüdischen Volkes, beziehen. Ich weiss, dass eine solche Art der Darstellung ebenso unzweckmässig wie unkünstlerisch ist. Ich missbillige sie selbst uneingeschränkt. Warum habe ich sie nicht vermieden? Die Antwort darauf ist für mich nicht schwer zu finden, aber nicht leicht einzugestehen. Ich war nicht imstande, die Spuren der immerhin ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte dieser Arbeit zu verwischen. 183 ///. Moses, sein Volk, In Wirklichkeit ist sie zweimal geschrieben worden. Zuerst vor einigen Jahren in “Wien, wo ich nicht an die Möglichkeit glaubte, sie veröffentlichen zu können. Ich beschloss, sie liegen zu lassen, aber sie quälte mich wie ein unerlöster Geist, und ich fand den Ausweg, zwei Stücke von ihr selbständig zu machen und in unserer Zeitschrift „Imago” zu publizieren, den psychoanalytischen Auftakt des Ganzen („Moses ein Ägypter”) und die darauf gebaute historische Konstruktion („Wenn Moses ein Ägypter war….”). Den Rest, der das eigentlich Anstössige und Gefährliche enthielt, die Anwendung auf die Genese des Monotheismus und die Auffassung der Religion überhaupt, hielt ich zurück, wie ich meinte, für immer. Da kam im März 1938 die unerwartete deutsche Invasion, zwang mich, die Heimat zu verlassen, befreite mich aber auch von der Sorge, durch meine Veröffentlichung ein Verbot der Psychoanalyse dort heraufzubeschwören, wo sie noch geduldet war. Kaum in England eingetroffen, fand ich die Versuchung unwiderstehlich, meine verhaltene Weisheit der Welt zugänglich zu machen, und begann, das dritte Stück der Studie imAnschluss an die beiden bereits erschienenen umzuarbeiten. Damit war natürlich eine teilweise Umordnung des Materials verbunden. Nun gelang es mir nicht, den ganzen Stoff in dieser zweiten Bearbeitung un- 184 und die monotheistische Religion terzubringen; anderseits konnte ich mich nicht entschliessen, auf die früheren ganz zu verzichten, und so kam die Auskunft zustande, dass ich ein ganzes Stück der ersten Darstellung unverändert an die zweite anscMoss, womit eben der Nachteil einer weitgehenden Wiederholung ver- bunden war. Nun könnte ich mich mit der Erwägung trösten, die Dinge, die ich behandle, seien immerhin so neu und so bedeutsam, abgesehen davon, wie weit meine Darstellung derselben richtig ist, dass es kein Unglück sein kann, wenn das Publikum veranlasst wird, darüber zweimal das Nämliche zu lesen. Es gibt Dinge, die mehr als einmal gesagt werden sollen und die nicht oft genug gesagt werden können. Aber es muss der freie Entschluss des Lesers dabei sein, bei dem Gegenstand zu verweilen oder auf ihn zurückzukommen. Es darf nicht in der Art erschlichen werden, dass man ihm in demselben Buch das Gleiche zweimal vorsetzt. Das bleibt eine Ungeschicklichkeit, für die man den Tadel auf sich nehmen muss. Die Schöpferkraft eines Autors folgt leider nicht immer seinem Willen; das Werk gerät, wie es kann, und stellt sich dem Verfasser oft wie unabhängig, ja wie fremd, gegenüber. 185 ///. Moses, sein Volk, a) Das Volk Israel Wenn man sich klar darüber ist, dass ein Verfahren wie was unsrigCj vom überlieferten Stoff anzunehmen, was uns brauchbar scheint, zu ver- werfen, was uns nicht taugt, und die einzelnen Stücke nach der psychologischen Wahrscheinlichkeit zusammenzusetzen, — dass eine solche Technik keine Sicherheit gibt, die “Wahrheit zu finden, dann .fragt man mit Recht, wozu man eine solche Arbeit überhaupt unternimmt. Die Antwort beruft sich auf ihr Ergebnis. Wenn man die Strenge der Anforderungen an eine historisch-psychologische Untersuchung weit mildert, wird es vielleicht möglich sein, Probleme zu klären, die immer der Aufmerksamkeit würdig schienen und die infolge rezenter Ereignisse sich von neuem dem Beobachter aufdrängen. Man weiss, von allen Völkern, die im Altertum um das Becken des Mittelmeers gewohnt haben, ist das jüdische Volk nahezu das einzige, das heute dem Namen und wohl auch der Substanz nach noch besteht. Mit beispielloser Widerstandsfähigkeit hat es Unglücksfällen und Misshandlungen getrotzt, besondere Charakterzüge entwickelt und sich nebstbei die herzliche Abneigung aller anderen Völker erworben. Woher diese Lebensfähigkeit der Juden kommt und wie ihr Charakter mit ihren Schicksalen zusammen- und die monotheistische Religion hängt, davon möchte man gerne mehr verstehen. Man darf von einem Charakterzug der Juden ausgehen, der ihr Verhältnis zu den Anderen beherrscht. Es ist kein Zweifel daran, sie haben eine besonders hohe Meinung ton sich, halten sich für vornehmer, höher stehend, den anderen überlegen, von denen sie auch durch viele ihrer Sitten geschieden sind/) Dabei beseelt sie eine besondere Zuversicht im Leben, wie sie durch den geheimen Besitz eines kostbaren Gutes verliehen wird, eine Art von Optimismus; Fromme würden es Gottvertrauen nennen. Wir kennen den Grund dieses Verhaltens und wissen, was ihr geheimer Schatz ist. Sie haken sich wirklich^^ für das von Gott auserwählte Volk, glauben ihm besonders nahe zu stehen, und dies macht sie stolz und zuversichtlich. Nach guten Nachrichten benahmen sie sich schon in hellenistischen Zeiten so wie heute, der Jude war also damals schon fertig, und die Griechen, unter denen und neben denen sie lebten, reagierten auf die jüdische Eigenart in der nämlichen Weise wie die heutigen „Wirtsvölker”. Man könnte meinen, sie reagierten, als ob auch sie an den ^) Die in alten Zeiten so häufige Schmähung, die Juden seien „Aussät;zige (s. Manetho), hat wohl den Sinn einer Projektion: Sie halten sich von uns so fern, als ob wir Aussätzige wären.” 187 ///. Moses, sein Volk, Vorzug glaubten, den das Volk Israel für sich in Anspruch nahm. Wenn man der erklärte Liebling des gefürchteten Vaters ist, braucht man sich über die Eifersucht der Geschwister nicht 2u verwundern, und wozu diese Eifersucht füh- ren kann, zeigt sehr schön die jüdische Sage von Josef und seinen Brüdern. DerVerlauf der”Weltgeschichte schien dann die jüdische Anmassung zu rechtfertigen, denn als es später Gott gefiel, der Menschheit^ einen Messias und Erlöser zu senden, wählte er ihn wiederum aus dem Volke der Juden. Die anderen Völker hätten damals Anlass gehabt, sich zu sagen: Wirklich, sie ha- : ben recht gehabt, sie sind das von Gott auser- wäMte Volk. Aber es geschah anstatt dessen, dass ihnen die Erlösung durch Jesus Christus nur eine Verstärkung ihres Judenhasses brachte, während die Juden selbst aus dieser zweiten Bevorzugung keinen Vorteil zogen, da sie den Er- i löser nicht anerkannten. , Auf Grund unserer früheren Erörtungen dürfen i wir nun behaupten, dass^ es jder^ Mann Moses ‘jwar, der dem jüdischen Volk diesen für alle Zuikunft bedeutsaiHfin.-Zttg aufgeprägt hat. Er hob ‘ihr Selbstgefühl durch die Versicherung, dass sie Gottes auserwähltes Volk seien, er legte ihnen die Heiligung auf und verpflichtete sie zur Ab- . sonderung von den anderen. Nicht etwa, dass es den anderen Völkern an Selbstgefühl gemangelt i88 und die monotheistische Religion hätte. Genau wie heute hielt sich auch damals jede Nation für besser als jede andere. Aber das Selbstgefühl der Juden erfuhr durch Moses eine • religiöse Verankerung, es wurde ein Teil ihres religiösen Glaubens. Durch ihre besonders innige Beziehung zu ihrem Gott erwarben sie einen Anteil an seiner Grossartigkeit, Und da wir wissen, dass hinter dem Gott, der die Juden ausgewählt und aus Ägypten befreit hat, die Person Moses’ steht, die grade das, vorgeblich in seinem Auftrag, getan hatte, getrauen wir uns zu sagen :/Es war der eine Mann Moses, der die Ju- •^ den geschaffen hat. Ihm dankt dieses Volk seine Zählebigkeit, aber auch viel von der Feindselig- *keit, die es erfahren hat und noch erfährt. b) Der grosse Mann Wie ist es möglich, dass ein einzelner Mensch _ eine so ausserordentliche Wirksamkeit entfaltet, dass er aus indifferenten Individuen und Familien ein Volk formt, ihm seinen endgültigen Charakter prägt und sein Schicksal für Jahrtausende bestimmt? Ist eine solche Annahme nicht ein Rückschritt auf dieDenkungsart,die die Schöpfermythen und Heldeoverehrung entstehen Hess, auf Zeiten, in denen die Geschichtsschreibung sich in der Berichterstattung derTaten und Schicksale einzelner Personen, Herrscher oder 189 in. Moses, sein Volk, Eroberer erschöpfte? Die Neigung der Neuzeit geht vielmehr dahin, die Vorgänge der Menschheitsgeschichte auf verstecktere, allgemeine und unpersönliche Momente zurückzuführen, auf dien zwingendenEinfiuss ökonomischerVerhältnisse, den. “Wechsel in der Ernährungsweise, die Fortschritte im Gebrauch von Materialien und Werkzeugen, auf Wanderungen, die durch V oiksvermehrung und Veränderungen des Klimas vÄanlasst werden. Den Einzelpersonen fällt dabei keine andere Rolle zu als die von Expo^- nenten oder Repräsentanten von Massenstrebungen, welche notwendigerweise ihren Ausdruck finden mussten und ihn mehr zufälligerweise in jenen Personen fanden. Das sind durchaus berechtigte Gesichtspunkte, aber sie geben uns Anlass, an eine bedeutsame Unstimmigkeit zwischen der Einstellung unseres Denkorgans und der Einrichtung der Welt zu mahnen, die. mittels unseres Denkens erfasst werden soll. ‘Unserem allerdings gebieterischen Kausalbedürfnis genügt es, wenn jeder Vorgang eine nachweisbare Ursache hat. In der Wirklichkeit ausserhalb uns ist das aber kaum so der Fall; vielmehr scheint jedes Ereignis überdeterminiert zu sein, stellt sich als die Wirkung mehrerer konvergierender Ursachen heraus.’ Durch die unübersehbare Komplikation des Geschehens geschreckt, ergreift unsere Forschung Par190 und die monotheistische Religion tei für den einen Zusammenhang gegen einen anderen, stellt Gegensätze auf, die nicht bestehen, nur durch die Zerreissung von umfassenderen Beziehungen entstanden sind.^) Wenn uns also die Untersuchung eines bestimmten Falles den überragenden Einfluss einer einzelnen Persönlichkeit beweist, so braucht uns unser Gewissen nicht vorzuwerfen, dass wir mit. dieser Annahme der Lehre von der Bedeutung jener all- gemeinen, unpersönlichen Faktoren ins Gesicht geschlagen haben. Es ist grundsätzlich Raum für beides. Bei der Genese des Monotheismus kön-t;, nen wir allerdings auf kein anderes äusseres Moment hinweisen als auf das bereits erwähnte, dass diese Entwicklung mit der Herstellung inti- merer Beziehungen zwischen verschiedenen Nationen und dem Aufbau eines grosses Reiches verknüpft ist. Wir wahren also dem „grossen Mann” seine Stelle in der Kette oder vielmehr im Netzwerk der Verursachungen. Aber vielleicht wird es *) Ich protestiere aber gegen das Missverständois, als wollte ich sagen, die “Welt sei so kompliziert, dass jede Behauptung, die man aufstellt, irgendwo ein Stück der “Wahrheit treffen muss. Nein, unser Denken hat sich die Freiheit bewahrt, Abhängigkeiten und Zusammenhänge aufzufinden, denen nichts in der “Wirklichkeit entspricht, und schätzt diese Gabe offenbar sehr hoch, da es innerhalb wie ausserhalb der Wissenschaft so reichlichen Gebrauch von ihr macht. 191 in. Moses, sein Volk, nicht ganz zwecklos sein, zu fragen, unter weichen Bedingungen wir diesen Ehrennamen ver- geben. Wir sind überrascht, zu finden, dass es nicht ganz leicht ist, diese Frage zu beantworten. Eine erste Formulierung: wenn ein Mensch die Eigenschaften, die wir hochschätzen, in besonders hohem Mass besitzt, ist offenbar nach allen Richtungen unzutreffend. Schönheit z.B. und Muskelstärke, so beneidet sie auch sein mögen, geben keinen. Anspruch auf „Grösse”. Es müssten also geistige Qualitäten sein, psychische und intellektuelle Vorzüge. Bei letzteren kommt uns das Bedenken, dass wir einen Menschen, der ein ausserordentlicher Könner auf einem bestimmten Gebiet ist, darum doch nicht ohne weiteres einen grossen Mann heissen würden. Gewiss nicht einen Meister des Schachspiels oder einen Virtuosen auf einem Musikinstrument, aber auch nicht ieict|t einen ausgezeichneten Künstler oder Forscher. Es entspricht uns, in solchem Falle zu sagen, er sei ein grosser Dichter, Maler, Mathematiker oder Physiker, ein Bahnbrecher auf dem Feld dieser oder jener Tätigkeit, aber wir halten mit der Anerkennung, er sei ein grosser Mann, zurück. “Wenn wir z.B. Goethe, Leonardo da Vinci, Beethoyen unbedenklich für grosse Männer erklären, so muss uns noch etwas anderes bewegen als die Bewunderung ihrer grossartigen Schöpfungen. Wären 192 und die monotheistische Religion nicht grade solche Beispiele im Wege, so würde man wahrscheinlich auf die Idee kommen, der Name „ein grosser Mann” sei vorzugsweise für Männer der Tat reserviert, also Eroberer, Feldherrn, Herrscher, und anerkenne die Grösse ihrer Leistung, die Stärke der Wirkung, die von ihnen ausging. Aber auch dies ist unbefriedigend und wird voll widerlegt durch unsere Verurteilung so vieler nichtswürdiger Personen, denen man doch die Wirkung auf Mit- und Nachwelt nicht bestreiten kann. Auch den Erfolg wird man nicht zum Kennzeichen der Grösse wählen dürfen, wenn man an die Oberzahl von grossen Männern denkt, die, anstatt Erfolg zu haben, im Unglück zu Grunde gegangen sind. So wird man vorläufig der Entscheidung geneigt, es verlohne sich nicht, nach einem eindeutig bestimmten Inhalt des Begriffs „grosser Mann” zu suchen. Es sei nur eine locker gebrauchte und ziemlich willkürlich vergebene Anerkennung der überdimensionalen Entwicklung gewisser menschlicher Eigenschaften in ziemlicher Annäherung an den ursprünglichen Wortsinn der „Grösse”. Auch dürfen wir uns besinnen, dass uns nicht so sehr das Wesen des grossen Mannes interessiert als die Frage, wodurch er auf seine Nebenmenschen wirkt. Wir werden aber diese Untersuchung möglichst abkürzen, weil sie uns weit von unserem Ziel abzuführen droht. 193 13 IIL Moses, sein Volk, Lassen wir es also gelten, dass der grosse Mann seine Mitmenschen auf zwei Wegen beeinflusst, durch seine Persönlichkeit und durch die Idee, für die er sich einsetzt. Diese Idee mag ein altes Wunschgebilde der Massen betonen oder ihnen ein neues Wunschziel zeigen oder in noch anderer Weise die Masse in ihren Bann ziehen. Mit- _ unter — und das ist gewiss der ursprünglichere Fall — wirkt die Persönlichkeit allein und die Idee spielt eine recht geringfügige Rolle. Warum der grosse Mann überhaupt zu einer Bedeutung kommen sollte, das ist uns keinen Augenblick unklar. Wir wissen, es besteht bei der Masse der Menschen ein starkes Bedürfnis nach ei- ner Autorität, die man bewundern kann, der man sich beugt, von der man beherrscht, eventuell sogar ‘misshandelt wird. Aus der Psychologie des Einzelmenschen haben wir erfahren, woher dies Bedürfnis der Masse* stammt./Es ist die Sehnsucht nach dem Vater, die fedem von seiner Kindheit her innewohnt, nach demselben Vater, den überwunden zu haben der Held der Sage sich rühmt. Und nun mag uns die Erkenntnis dämmern, dass alle Züge, mit denen wir den grossen Mann ausstatten, Vaterz’ige sind, dass in dieser Übereinstimmupg das von uns vergeblich gesuchte Wesen des grossen Mannes besteht/ Die Entschiedenheit der Gedanken, die Stärke des Willens, die Wucht der Taten gehören dem 194 und die monotheistische Religion Vaterbilde zu, vor allem aber die Selbständigkeit und Unabhängigkeit des grossen Mannes, seine göttliche Unbekümmertheit, die sich zur Rücksichtslosigkeit steigern darf. Man muss ihn bewundern, darf ihm vertrauen, aber man kann nicht umhin, ihn auch zu fürchten. Wir hätten uns vom Wortlaut leiten lassen sollen; wer anders als der Vater soll denn in der Kindheit der „grosse Mann” gewesen sein! Unzweifelhaft war es ein gewaltiges Vatervorbild, das sich in der Person des Moses zu den ar- men jüdischen Fronarbeitern herabliess, um ih- nen zu versichern, dass sie seine lieben Kinder seien. Und nicht minder überwältigend muss die Vorstellung eines einzigen, ewigen, allmächtigen Gottes auf sie .gewirkt haben, dem sie nicht zu gering waren, um einen Bund mit ihnen zu schliessen, und der für sie zu sorgen versprach, wenn sie seiner Verehrung treu blieben. Wahrscheinlich wurde’ es ihnen nicht leicht, das Bild des Mannes Moses von dem seines Gottes zu , scheiden, und sie ahnten recht darin, denn Moses mag Züge seiner eigenen Person in den Charakter seines Gottes eingetragen haben wie die Zommütigkeit und UnerbittÜchkeit. Und wenn sie dann- einmal diesen ihren grossen Mann er- schlugen, so wiederholten sie nur eine Untat, die sich in Urzeiten als Gesetz gegen den göttlichen König gerichtet hatte und die, wie wir wissen, 195 ///. Moses, sein Volk, auf ein noch älteres Vorbild zurückging/) Ist uns so auf der einen Seite die Gestalt des grossen Mannes ins Göttliche gewachsen, so ist es anderseits Zeit, sich zu besinnen, dass auch der Vater einmal ein Kind gewesen war. Die grosse religiöse Idee, die der Mann Moses vertrat, war nach unseren Ausführungen nicht sein Eigentum; er hatte sie von seinem König Ikhnaton übernommen. Und dieser, dessen Grösse als Religionsstifter unzweideutig bezeugt ist, folgte vielleicht Anregungen, die durch Vermittlung seiner Mutter oder auf anderen Wegen — aus dem näheren oder ferneren Asien — zu ihm gelangt waren. Weiter können wir die Verkettung nicht verfolgen, aber wenn diese ersten Stücke richtig er- kannt sind, dann ist die monotheistische Idee Boomerang-artig in das Land ihrer Herkunft zurückgekommen. Es erscheint so anfruchtbar, das Verdienst eines Einzelnen um eine neue Idee feststellen zu wollen. Viele haben offenbar an ihrer Entwicklung mitgetan und Beiträge zu ihr geleistet. Anderseits wäre es offenkundiges Unrecht, die Kette der Verursachung bei Moses abzubrechen und zu vernachlässigen, was seine Nachfolger und Fortsetzer, die jüdischen Propheten, geleistet haben. Die Saat des Monotheismus war In Ägypten nicht aufgegangen. Das- ^) Vgl Frazer 1. c. 196 und die monotheistische Religion selbe hätte in Israel geschehen können, nachdem das Volk die beschwerliche und anspruchsvolle Religion abgeschüttelt hatte. Aber aus dem jüdischen Volk erhoben sich Immer wieder Männer, die die verblassende Tradition auffrischten, die Mahnungen und Anforderungen Moses’ er- neuerten und nicht rasteten, ehe das Verlorene wiederhergestellt war. In der stetigen Bemühung von Jahrhunderten und endlich durch zwei grosse Reformen, die eine vor, die andere nach dem babylonischen Exil, vollzog sich die Verwandlung des Volksgottes Jahve in den Gott, dessen Verehrung Moses den Juden aufgedrängt hatte. Und es ist der Beweis einer besonderen psychischen Eignung in der Masse, die zum jüdischen Volk geworden war, wenn sie so viele Personen hervorbringen konnte, die bereit waren, die Beschwerden der Moses-Religion auf sich zu nehmen, für den Lohn des Auserwähltseins und vielleicht noch andere Prämien von ähnlichem Rang. c) Der Fortschritt in der Geistigkeit Um nachhaltige psychische Wirkungen bei ei- nem Volke zu erzielen, reicht es offenbar nicht hin, ihm zu versichern, es sei von der Gottheit auserlesen. Man muss es ihm auch irgendwie beweisen, wenn es daran glauben und aus dem 197 m. Moses, sein Volk, Glauben Konsequenzen ziehen soll. In der Moses-Religion diente der Auszug aus Ägypten als dieser Beweis; Gott oder Moses in seinem Namen wurde nicht müde, sich auf diese Gunstbezeugung zu berufen. Das Passahfest wurde eingesetzt, um die Erinnerung an dies Ereignis festzuhalten, oder vielmehr ein altbestehendes Fest mit dem Inhalt dieser Erinnerung erfüllt. Aber es war doch nur eine Erinnerung, der Auszug gehörte einer verschwommenen Vergangenheit an. In der Gegenwart waren die Zeichen von Gottes Gunst recht spärlich, die Schicksale des Volkes deuteten eher auf seine Ungnade hin. Primitive Völker pflegten ihre Götter abzuset- zen oder selbst zu züchtigen, wenn sie nicht ihre Pflicht erfüllten, ihnen Sieg, Glück und Behagen zu gewähren. ‘Könige sind zu allen Zeiten nicht anders behandelt worden als Götter; eine alte Identität beweist sich darin, die Entstehung aus gemeinsamer Wurzel. Auch moderne Völker pflegen also ihre Könige zu verjagen, wenn der Glanz ihrer Regierung durch Niederlagen mit den dazugehörigen Verlusten an Land und Geld gestört wird. Warum aber das Volk Israel seinem Gott immer nur unterwürfiger anhing, je schlechter.es von ihm behandelt wurde, das ist ein Problem, welches wir vorläufig bestehen las- sen müssen. Es mag uns die Anregung geben, zu untersuchen, 198 und die monotheistische Religion ob die Moses-Religion dem Volke nichts anderes gebracht hatte als die Steigerung des Selbstgefühls durch das Bewusstsein der Auserwähltheit. Und das nächste Moment ist wirklich leicht zu finden. Die Religion brachte den Juden auch eine weit grossartigere Gottesvorstellung, oder, wie man nüchterner sagen könnte, die Vorstellung eines grossartigeren Gottes. Wer an diesen Gott glaubte, hatte gewissermassen Anteil an seiner Grösse, durfte sich selbst gehoben fühlen. Das ist für einen Ungläubigen nicht ganz selbstverständlich, aber vielleicht erfasst man es leichter durch den Hinweis auf das Hochgefühl eines Briten in einem fremden durch Aufruhr unsicher gewordenen Land, das dem Angehörigen irgend eines kontinentalen Kleinstaates völlig abgeht. Der Brite rechnet nämlich damit, dass sein Government ein Kriegsschiff ausschicken wird, wenn ihm ein Härchen gekrümmt wird, und dass die Aufständischen es sehr wohl wissen, während der Kleinstaat überhaupt kein Kriegsschiff besitzt. Der Stolz auf die Grösse des British Empire hat also auch eine Wurzel im Bewusstsein der grösseren Sicherheit, des Schutzes, den der einzelne Brite geniesst. Das mag bei der Vorstellung des grossartigen Gottes ähnlich sein, und da man schwerlich beanspruchen wird, Gott in der Verwaltung der Welt zu assistieren, fliesst der Stolz auf die Gottesgrösse mit dem 199 ///. Moses, sein Volk, ^uf das Auserwähltsein zusammen. I Unter den Vorschriften der Moses-Religion findet sich eine, die bedeutungsvoller ist, als man zunächst erkennt. Es ist das Verbot, sich ein Bild ¥on Gott zu machen, also der Zwang, einen Gott zu verehren, den man nicht sehen kann. “Wir vermuten, dass Moses in diesem Punkt die Strenge der Aton-ReÜgion überboten hat; vielleicht wollte er nur konsequent sein, sein Gott hatte dann weder einen Namen noch ein Angesicht, vielleicht war es eine neue Vorkehrung gegen magische Missbräuche. Aber wenn man dies Verbot annahm, musste es eine tiefgreifende Wirkung ausüben. Denn es bedeutete eine Zurücksetzung der sinnlichen Wahrnehmung gegen eine abstrakt zu nennende Vorstellung, ei- nen Triumph der Geistigkeit über die Sinnlichkeit, streng genommen einen Triebverzicht mit seinen psychologisch notwendigen Folgen. Um glaubwürdig zu finden, was auf den ersten Blick nicht einleuchtend scheint, muss man sich an andere Vorgänge gleichen Charakters in der Entwicklung der menschlichen Kultur erinnern. Der früheste unter ihnen, der wichtigste vielleicht, verschwimmt im Dunkel der Urzeit. Sei- ne erstaunlichen Wirkungen nötigen uns, ihn zu behaupten. Bei unseren Kindern, bei den Neurotikern unter den Erwachsenen wie bei den primitiven Völkern finden wir das seelische Phä200 und die monotheistische Religion nomen, das wir als den Glauben an die „Allmacht der Gedanken” bezeichnen. Nach unserem Urteil ist es eine Überschätzung des Einflusses, den unsere seelischen, hier die intellektuellen, Akte auf die Veränderung der Aussenwelt üben können. Im Grunde ruht ja alle Magie, die Vorläuferin unserer Technik, auf dieser Voraussetzung. Auch aller Zauber der Worte gehört hieher und die Überzeugung von der Macht, die mit der Kenntnis und dem Aussprechen eines Namens verbunden ist. Wir nehmen an, dass die „Allmacht der Gedanken” der Ausdruck des Stolzes der Menschheit war auf die Entwicklung der Sprache, die eine so ausserordentliche Förderung der intellektuellen Tätigkeiten zur Folge hatte. Es eröffnete sich das neue Reich der Geistigkeit, in demVorstellungen, Erinnerungen und ScHussprozesse massgebend wurden, im Gegensatz zur niedrigeren psychischen Tätigkeit, die unmittelbare Wahrnehmungen der Sinnesorgane zum Inhalt hatte. Es war gewiss eine der wichtigsten Etappen auf dem Wege zur Menschwerdung. Weit greifbarer tritt uns ein anderer Vorgang späterer Zeit entgegen. Unter dem Einfiuss äusserer Moment, die wir hier nicht zu verfolgen brauchen, die zum Teil auch nicht genügend bekannt sind, geschah es, dass die matriarchalische Gesellschaftsordnung von der patriarchalischen 20I ///. Moses, sein Volk, abgelöst wurde, womit natürlich ein Umsturz der bisherigen Rechtsverhältnisse verbunden war. Man glaubt den Nachklang dieser Revolution noch in der Orestie des Äschylos zu verspüren. Aber diese Wendung von der Mutter zum Vater bezeichnet überdies einen Sieg der Geistigkeit über die Sinnlichkeit, also einen Kulturfortschrittj denn die Mutterschaft ist durch das Zeugnis der Sinne erwiesen, während die Vaterschaft eine Annahme ist, auf einen Schluss und auf eine Voraussetzung aufgebaut. Die Parteinahme, die den Denkvorgang über die sinnliche Wahrnehmung erhebt, bewährt sich als ein folgenschwerer Schritt. Irgendwann zwischen den beiden vorerwähnten Fällen ereignete sich ein ‘anderer, der am meisten Verwandtschaft zeigt mit dem von uns in der Religionsgeschichte untersuchten. Der Mensch fand sich veranlasst, überhaupt „geistige” Mächte anzuerkennen, d.h. solche, die mit den Sinnen, speziell mit dem Gesicht, nicht erfasst werden können, aber doch unzwieifelhafte sogar überstarke Wirkungen äussern. Wenn wir uns dem Zeugnis der Sprache anvertrauen dürften, war es die bewegte Luft, die das Vorbild der Geistigkeit abgab, denn der Geist entlehnt I den Namen vom Windhauch (animus, spiritm, I hebräisch: mach, Hauch). Damit war auch die « Entdeckung der Seele gegeben als des geistigen 202 und die monotheistische Religion Prinzips im einzelnen Menschen. ‘Die Beobachtung fand die bewegte Luft im’Ättnen des Menschen wieder, das mit dem Tode aufhört; noch heute haucht der Sterbende seine Seele aus. Nun aber war dem Menschen das Geisterreich eröffnet; er war bereit, die Seele, die er bei sich entdeckt hatte, allem anderen in der Natur zuzutrauen. Die ganze Welt wurde beseelt, und die “Wissenschaft, die soviel später kam, hatte genug zu tun, um einen Teil der Welt wieder zu entseelen, ist auch noch heute mit dieser Aufgabe nicht fertig geworden. Durch das mosaische Verbot wurde Gott auf eine höhere Stufe der Geistigkeit gehoben, der Weg eröffnet für -weitere Abänderungen der Gottesvorstellung, von denen noch zu berichten ist. Aber zunächst darf uns j.ine andere Wirkung desselben beschäftigen, /Alle solchen Fortschritte in der Geistigkeit haben den Erfolg, das Selbstgefühl der- Eerson zu steigern, sie stolz zu machen, so dass sie sich anderen überlegen fühlt, die im Banne der Sinnlichkeit verblieben sind. Wir wissen, dass Moses den Juden das Hochge-“” fühl vermittelt hatte, ein auserwähltes -Volk zu sein; durch die Entmaterialisierung Gottes kam ein neues, wertvolles Stück zu dem geheimen Schatz des Volkes hinzu. Die Juden behielten die Richtung auf geistige Interessen bei, das politische Unglück der Nation lehrte sie, den einzi203 in. Moses, sein Volk, geii Besitz, der ihnen geblieben war, ihrSchrifttuni, seinem Werte nach einzuschätzen. Unmittelbar nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch Titus erbat sich Rabbi Jochanan ben Sakkai die Erlaubnis, die erste Thoraschule in Jahne zu eröffnen. Fortan war es die heilige Schrift und die geistige Bemühung um sie, die das versprengte Volk zusammenhielt. Soviel ist allgemein bekannt und angenommen. Ich wollte nur einfügen, dass diese charakteristische Entwicklung des jüdischen “Wesens durdi-,.^ das Verbot Moses’, Gott in sichtbarer Gestalt zu ‘ verehren, eingeleitet wurde. Der Vorrang, der durch etwa 2000 Jahre im Le-y’ ben des. jüdischen Volkes geistigen Bestrebungen eingeräumt war, hat natürlich seine “Wirkung getan; er half, die Roheit und die Neigung zur Gewalttat einzudämmen, die sich einzustellen pflegen, wo die Entwicklung der Muskelkraft Volksideai ist. Die Harmonie in der Ausbildung geistiger und körperlicher Tätigkeit, wie das griechische Volk sie erreichte, blieb den Juden versagt. Im Zwiespalt trafen sie wenigstens die Entscheidung für das Höherwertige. d) Triebverzicht Es ist nicht selbstverständlich und nicht ohne weiteres einzusehen, warum ein Fortschritt in 204 und die monotheistische Religion der Geistigkeit, eine Zurücksetzung der Sinnlichkeit, das Selbstbewusstsein einer Person wie eines Volkes erhöhen sollte. Das scheint einen bestimmten Wertmasstab vorauszusetzen und eine andere Person oder Instanz, die ihn handhabt. Wir wenden uns zur Klärung an einen analogen Fall aus der Psychologie des Individuums, der uns verständlich geworden ist. Erhebt das Es in einem menschlichen Wesen ei- nen Triebanspruch erotischer oder aggressiver Natur, so ist das Einfachste und Natürlichste, dass das Ich, dem der Denk- und der Muskelapparat zur Verfügung steht, ihn durch eine Aktion befriedigt. Diese Befriedigung des Triebes wird vom Ich als Lust empfunden, wie die Unbefriedigung unzweifelhaft Quelle von Unlust geworden wäre. Nun kann sich der Fall ereignen, dass das Ich die Triebbefriedigung mit Rücksicht auf äussere Hindernisse unterlässt, nämlich dann, wenn es einsieht, dass die betreffende Aktion eine ernste Gefahr für das Ich hervorrufen würde. Ein solches Abstehen von der Befriedigung, ein Triebverzicht infolge äusserer Abhaltung, wie wir sagen: im Gehorsam gegen das Realitätsprinzip, ist auf keinen Fall lustvoll. Der Triebverzicht würde eine anhaltende Unlustspannung zur Folge haben, wenn es nicht gelänge, die Triebstärke selbst durch Energieverschiebungen herabzusetzen. Der Triebverzicht 205 ///. Moses, sein Volk, kann aber auch aus anderen, wie wir mit Recht sagen inneren Gründen erzwungen werden. Im Laufe der individuellen Entwicklung wird ein Anteil der hemmenden Mächte in der Aussenwelt verinnerlicht, es bildet sich im Ich eine Instanz, die sich beobachtend, kritisierend und verbietend dem übrigen entgegengestellt. Wir nennen diese neue Instanz das Über-Ich. Von nun an hat das Ich, ehe es die vom Es geforderten Triebbefriedigungen ins Werk setzt, nicht nur auf die Gefahren der Aussenwelt, sondern auch auf den Einspruch des Über-Ichs Rücksicht zu nehmen, und wird umsomehr Anlässe haben, die Triebbefriedigung zu unterlassen. Während aber der Triebverzicht aus äusseren Gründen nur unlustvoll ist, hat der aus inneren Gründen, aus Gehorsam gegen das Über-Ich, eine andere ökonomische Wirkung. Er bringt ausser der unvermeidlichen Unlustfolge dem Ich auch einen Lustgewinn, eineErsatzbefriedigung gleichsam. Das Ich fühlt sich gehoben, es wird stolz auf den Triebverzicht wie auf eine wertvolle Leistung. Den Mechanismus dieses Lustgewinns glauben wir zu verstehen. Das Ober-Ich ist Nachfolger und Vertreter der Eltern (und Erzieher), die die Handlungen des Individuums in seiner ersten Lebensperiode beaufsichtigt hatten; es setzt die Funktionen derselben fast ohne Veränderung fort. Es hält das Ich in dau206 und die monotheistische Religion ernder Abhängigkeit, es übt einen ständigen Druck auf dasselbe aus. Das Ich ist ganz wie in der Kindheit besorgt, die Liebe des Oberherrn aufs Spiel zu setzen, empfindet seine Anerkennung als Befreiung und Befriedigung, seine Vorwürfe als Gewissensbisse. Wenn das Ich dem Über-Ich das Opfer eines Triebverzichts gebracht hat, erwartet es als Belohnung dafür, von ihm mehr geliebt zu werden. Das Bewusstsein, diese Liebe zu verdienen, empfindet es als Stolz. Zur Zeit, da die Autorität noch nicht als Überich verinnerlicht war, konnte die Beziehung zwischen drohendem Liebesverlust und Triebanspruch die nämliche sein. Es gab ein Gefühl von Sicherheit und Befriedigung, wenn man aus Liebe zu den Eltern einen Triebverzicht zustandegebracht hatte. Den eigentümlich narzisstischen Charakter des Stolzes konnte dies gute Gefühl erst annehmen, nachdem die Autorität selbst ein Teil des Ichs geworden war. “Was leistet uns diese Aufklärung der Befriedigung durch Triebverzicht für das Verständnis der Vorgänge, die wir studieren wollen, der Hebung des Selbstbewusstseins bei Fortschritten der Geistigkeit? Anscheinend sehr wenig. Die Verhältnisse liegen ganz anders. Es handelt sich um keinen Triebverzicht und es ist keine zweite Person oder Instanz da, der zuliebe das Opfer gebracht wird. An der zweiten Behauptung 207 ///. Moses, sein Volk, wird man bald schwankend werden. Man kann sagen, der grosse Mann ist eben die Autorität, der zuliebe man die Leistung vollbringt, und da der grosse Mann selbst dank seiner Ähnlichkeit mit dem Vater wirkt, darf man sich nicht ver- wundern, wenn ihm in der Massenpsychologie die Rolle des Über-Ichs zofällt. Das würde also auch für den Mann Moses imVerhältnis zumJudenvolk gelten. Im anderen Punkte will sich aber keine richtige Analogie herstellen. Der Fortschritt in der Geistigkeit besteht darin, dass man gegen die direkte Sinneswahrnehmung zu Gunsten der sogenannten höheren intellektuellen Prozesse entscheidet, also der Erinnerungen, Überlegungen, Schlussvorgänge. Dass man z.B. bestimmt, die Vaterschaft ist wichtiger als die Mutterschaft, obwohl sie nicht wie letztere durch das Zeugnis der Sinne erweisbar ist. Darum soll das Kind den Namen des Vaters tragen und nach ihm erben. Oder: unser Gott ist der grösste und mächtigste, obwohl er unsichtbar ist wie der Sturmwind und die Seele. Die Abweisung eines sexuellen oder aggressiven Triebanspruches scheint etwas davon ganz Verschiedenes zu sein. Auch ist bei manchen Fortschritten der Geistigkeit, z.B. beim Sieg des Vaterrechts, die Autorität nicht aufzeigbar, die den Masstab für das abgibt, was als höher geachtet werden soll. Der Vater kann es in diesem Falle nicht 208 und die monotheistische Religion sein, denn er wird erst durch den Fortschritt zur Autorität erhoben. Man steht also vor dem Phänomen, dass in der Entwicklung der Menschheit die Sinnlichkeit allmählich von der Geistigkeit überwältigt wird und dass die Menschen sich durch jeden solchen Fortschritt stolz und gehoben fühlen. Man weiss aber nicht zu sagen, warum das so sein sollte. Später ereignet es sich dann noch, dass die Geistigkeit selbst von dem ganz rätselhaften emotioneilea Phänomen des Glaubens überwältigt wird. Das ist das berühmte Credo quia absurdum, und auch wer dies zustandegebracht hat, sieht es als eine Höchstleistung an. Vielleicht ist das Gemeinsame all dieser psychologischen Situationen etwas anderes. Vielleicht erklärt der Mensch einfach das für das Höhere, was das Schwierigere ist, und sein Stolz ist bloss der durch das Bewusstsein einer überwundenen Schwierigkeit gesteigerte Narzissmus. Das sind gewiss wenig fruchtbare Erörtungen, und man könnte meinen, sie haben mit unserer Untersuchung, was den Charakter des jüdischen Volkes bestimmt hat, überhaupt nichts zu tun. Das wäre nur ein Vorteil für uns, aber eine gewisse Zugehörigkeit zu unserem Problem verrät sich doch durch eine Tatsachcj die uns später noch mehr beschäftigen wird. {Die Religion, die | mit dem Verbot begonnen hat, sich ein Bild von . 209 14 ///. Moses, sein Volk, Gott zu machen, entwickelt sich im Laufe der Jahrhunderte immer mehr zu einer Religion der Triebverzichte. Nicht dass sie sexuelle Absti- nenz fordern würde, sie begnügt sich mit einer merklichen Einengung der sexuellen Freiheit. Aber Gott wird der Sexualität völlig entrückt und zum Ideal ethischer Vollkommenheit erhoben. Ethik ist aber Triebeinschränkung. |Die Propheten werden nicht müde “zu mahnen, dass Gott nichts anderes von seinem Volke verlange als gerechte und tugendhafte Lebensführung, also Enthaltung von allen Triebbefriedigungen, die auch noch von unserer heutigen Moral als lasterhaft verurteilt werden. Und selbst die Forderung, an ihn zu glauben, scheint gegen den Ernst dieser ethischen Forderungen zurückzutreten. Somit scheint der Triebverzicht eine hervorragende Rolle in der Religion zu spielen, auch wenn er nicht von Anfang an in ihr hervortritt. Hier ist aber Raum für einen Einspruch, der ein Missverständnis abwehren soll. Mag es auch scheinen, dass der Triebverzicht und die auf ihn gegründete Ethik nicht zum wesentlichen Inhalt der Religion gehört, so ist er doch genetisch aufs innigste mit ihr verbunden. DerTotemismus,die erste Form einer Religion, die wir erkennen, bringt als unerlässliche Bestände des Systems ei- ne Anzahl von Geboten und Verboten mit sich, 2IO und die monotheistische Religion die natürlich nichts anderes als Triebverzichte bedeuten, die Verehrung des Totem, die das Verbot einschliesst, ihn zu schädigen oder zu töten, die Exogamie, also den Verzicht auf die lei- denschaftlich begehrten Mütter und Schwestern in der Horde, das Zugeständnis gleicher Rechte für alle Mitglieder des Brüderbundes, also die Einschränkung der Tendenz zu gewalttätiger Rivalität unter ihnen. In diesen Bestimmungen müssen wir die ersten Anfänge einer sittlichen und sozialen Ordnung erblicken. Es entgeht uns nicht, dass sich hier zwei verschiedene Motivierungen geltend machen. Die beiden ersten Verbote liegen im Sinne des beseitigten Vaters, sie setzen gleichsam seinen Willen fort; das dritte Gebot, das der Gleichberechtigung der Bun-